Aus: Ausgabe vom 24.07.2018, Seite 8 / Inland

»Aggressiv prowestlicher Überlegenheitsdünkel«

Initiative kritisiert Kooperation eines alternativen Leipziger Kulturzentrums mit Rechten. Gespräch mit Martina Hinrichs

Interview: Markus Bernhardt
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Von Behörden als Hotspot des »Linksextremismus« beobachtet: das Leipziger Kulturzentrum »Conne Island«. Intern wird heftig über den Auftritt eines Autors gestritten, der Loblieder auf die AfD singt

Ihre Initiative ruft seit Juni zum Boykott des Kulturzentrums »Conne Island« in Leipzig auf. Was haben Sie an dem als links-alternativ geltenden Zentrum auszusetzen?

Das Conne Island ist eine Hochburg der »antideutschen« Szene, die unserer Meinung nach auf dem Weg nach ganz rechts ist. Im Mai durfte dort der »Islamkritiker« Thomas Maul referieren, der die AfD als »einzige Stimme der Restvernunft im Deutschen Bundestag« feiert und von einem »Linkskartell« phantasiert. Im Conne Island verlas er Reden von AfD-Abgeordneten und behauptete, vor deren Einzug habe es solche »proisraelischen und antisemitismuskritischen Reden im Deutschen Bundestag nicht gegeben«. Das ist nicht nur ausgemachter Blödsinn, sondern Werbung für die neue Rechte – und das in einem vorgeblich »linken« Zentrum und in Sachsen, wo die AfD in Umfragen bei 24 Prozent liegt. Das Conne Island präsentiert sich als »antirassistisch« und Antifa-Treffpunkt. Dabei werden dort seit Jahren Kapitalismuskritiker, Kriegsgegner und Muslime diffamiert. Die Veranstaltung mit Maul hat endgültig offenbart, wohin die Reise geht: Das Conne Island ist ein Querfront-Projekt, in dem rechte Positionen enttabuisiert werden.

Aber glauben Sie ernsthaft, dass diese Vorwürfe so pauschal auf die Besucherinnen und Besucher zutreffen?

Natürlich nicht – aber auf die Aktiven des Zentrums. Viele Konzert- und Partygäste dürften kaum wissen, dass der Laden sich immer weiter nach rechts öffnet. Das Projekt ist eine Institution der »antideutschen« Szene, die inzwischen mit genuin rechten Kräften kooperiert und Autoren rechtskonservativer Medien wie der »Achse des Guten« eine Bühne bietet. Wenn ein Projekt wie das Conne Island diesen Kurs stützt und ihn Besuchern und jungen Leuten als »links« und »antifaschistisch« verkauft, ist das gefährlich.

Hat die Geschäftsführung des »Conne Island« sich mittlerweile zu den von Ihnen erhobenen Vorwürfen geäußert?

Nein. Dabei geht es nicht nur um den Vortrag von Maul, sondern um eine Rechtsentwicklung, die jetzt einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Zu der hat die Leitung des Conne Island jahrelang beigetragen. Die Auseinandersetzung wird von ihrer Seite rein formal geführt, so, als seien bloß kurzfristige Raumvergaben oder schlechte Absprachen das Problem. Eine inhaltliche Distanzierung fehlt völlig. Gleichzeitig verkauft sich das Projekt gegenüber dem Kulturamt und Projektpartnern als antifaschistische und zivilgesellschaftliche Instanz.

Tatsächlich gibt es mittlerweile auch anderswo große Übereinstimmung zwischen Teilen der AfD, anderen Rechtspopulisten und »Antideutschen«.

Ja, Überschneidungen gibt es vor allem hinsichtlich der Verachtung für den Islam, der bedingungslosen Unterstützung der israelischen Regierung. Dazu kommt ein aggressiv prowestlicher Überlegenheitsdünkel. Die Organisatoren der Veranstaltungsreihe »70 Jahre Israel«, zu denen auch das »Conne Island« gehörte und in deren Rahmen der Vortrag mit Maul stattfand, haben sich klipp und klar hinter dessen Lobreden für die AfD gestellt. Auch die sich selbst antifaschistisch und linksradikal gerierende Zeitschrift Phase Zwei hat damit offenbar kein Problem – in einer Mail an uns schrieb die Redaktion: »Wir sind auf der Seite des Conne Islands«. Wir finden, diejenigen, die gute Kontakte zum Conne Island haben, müssten sich endlich positionieren. Wir denken da an die Leipziger Gruppe der »Interventionistischen Linken«, »Prisma«, an Juliane Nagel von der hiesigen Linkspartei oder den Sportverein »Roter Stern Leipzig«. Sie sind für diese Entwicklungen mitverantwortlich, weil sie sie jahrelang toleriert oder beschönigt haben.

Damit dürften Sie jedoch bei vielen auf taube Ohren stoßen.

Da machen wir uns nichts vor. Der Großteil dieser Leute will lieber Friede, Freude, Eierkuchen in seiner Politszene, als Konflikte auszutragen. Aber wer AfD-Werbeveranstaltungen in angeblich linken Zentren toleriert, trägt seinen Teil zum Rechtsruck bei.

Marina Hinrichs ist Sprecherin der »­Initiative für eine linke Gegenkultur«.

conneislandboycott.wordpress.com

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