Aus: Ausgabe vom 21.07.2018, Seite 4 (Beilage) / Fotoreportagen

Blütenträume und Wortgefechte

Während Gärten und Parks in den schönsten Farben leuchten, streitet Japan über eine brisante Verfassungsänderung

Von Michael Streitberg
»Abe in den Knast«: In Tokio demonstrierten am 25. März Tausende gegen die Rüstungspläne der Regierung von Premier Shinzo Abe
Für die Verteidigung der in der Verfassung festgeschriebenen Friedenspflicht des Landes: Plakat der Kommunistischen Partei Japans im Tokioter Bezirk Harajuku
»Wir lassen nicht zu, dass wir ein Land werden, das in anderen Ländern Krieg führt«: Antimilitaristische Losungen am KP-Büro in Kyoto
Geschichtsrevisionismus auf Japanisch: Rechte Demonstranten zeigen am 18.3.2018 in Tokio ihre Sicht auf die Rolle des Landes im Pazifikkrieg (1937–1945). »Kein Staat von Verbrechern«, steht auf dem Transparent
Die Kirschblüte ist in Japan die beliebteste Reisezeit. Der Yasukini-Schrein in Tokio ist aber auch als ­Kriegerdenkmal Anziehungspunkt rechter Nationalisten
Nach buddhistischem Glauben der Begleiter der Seelen Verstorbener in die Unterwelt: Jizo-Statue im Innenstadtbezirk Shinjuku der japanischen Hauptstadt
Die Regierung möchte den Auftrag der Selbstverteidigungsstreitkräfte ausweiten: Angehörige der neugebildeten Schnellen Amphibischen Eingreiftruppe am 7. April 2018 in Camp Ainoura im Süden Japans

Der japanische Hochsommer kann gnadenlos sein. Auch viele der Millionen von Touristen, die jedes Jahr ins Land strömen, wissen um das Klima im Juli und August. Eine Reise unternehmen sie daher bevorzugt im Frühling, wenn angenehm milde Temperaturen ­locken und das ganze Land der Kirschblüte entgegenfiebert. Ist es soweit, werden in den Parks blaue Planen ausgerollt; man kommt zusammen und feiert, isst und trinkt inmitten der Farbenpracht. Auch in unzähligen Gärten an buddhistischen Tempeln und shintoistischen Schreinen blüht und grünt es.

Abseits von alledem präsentiert sich dem politisch interessierten Japanbesucher ein Land, das um seine Zukunft streitet. Die konservative Regierung unter Premierminister Shinzo Abe plant seit langem die gänzliche Aushöhlung des Verfassungsartikels 9, der dem Land eine Friedenspflicht auferlegt und es zur Nichtangriffsfähigkeit verpflichtet. Auf der Straße begegnet der Autor im April einer Gruppe, die Unterschriften gegen die Revision sammelt. Die meisten Passanten laufen vorbei, manche stimmen zu, andere reagieren wütend: »Die sollen die Verfassung ändern, verdammt noch mal!« ruft ein Mann den Aktivisten zu. Auch die mit Lautsprecherwagen durch die Gegend fahrenden Mitglieder verschiedener rechter Gruppen halten wenig vom Artikel 9.

Die Kommunistische Partei Japans (JCP) hingegen mobilisiert ihre Anhänger für die Verteidigung der Verfassung in ihrer bestehenden Form. Während die rund 300.000 Mitglieder zählende KP bei den letzten Parlamentswahlen im vergangenen Oktober Verluste hinnehmen musste, gelang ihr in ihrer Hochburg Kyoto am 8. April ein Achtungserfolg: Die nur von der JCP und einigen Bürgergruppen unterstützte Anwältin Kazuhito Fukuyama erreichte stolze 44,1 Prozent der Stimmen. Um ihrem Gegenkandidaten für das Bürgermeisteramt, dem eng mit der Zentralregierung verbandelten Bürokraten Takatoshi Nishiwaki, den Sieg zu sichern, musste sich sich das gesamte politische Establishment (von linksliberal bis rechtskonservativ) hinter ihm versammeln.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen: