Aus: Ausgabe vom 21.07.2018, Seite 10 / Feuilleton

Wieder Teenie werden

Wie man eine Marke pflegt und manchmal auch hinterfragt: Eine Doku über Tokio Hotel am Sonntag auf Arte

Von Maximilian Schäffer
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Endlich Ruhe in L. A. Und die Fans altern mit!

Bill Kaulitz steht im Pfauenfedermantel mitten in der Wüste. Nach Kalifornien hat es den Sänger von Tokio Hotel verschlagen – die Mojave als Rückzugsort für einen Paradiesvogel. Zwischen Yuccapalmen und Felsen in der Form von Totenschädeln sinniert der 28jährige über seine Kindheit in der sächsisch-anhaltinischen Provinz: »Ich hatte so’n weißes Outfit, das ich total gut fand. Unser Sportlehrer war so’n alter Fascho, der hat gesagt, ich müsste deswegen bei den Mädchen mitmachen!« Auch sein Zwillingsbruder Tom traf es in der Gemeinde Loitsche-Heinrichsberg bei Magdeburg nicht besser: »Schulbus war wie jeden Morgen in den Krieg ziehen. Im Dorf gab es Glatzen, die wollten uns schon als Zehnjährige zusammenschlagen!«

Nicht nur Nazis kommt bei Tokio Hotel die Galle hoch, seit ihrer Gründung 2001 wird die Band unter Angabe verschiedenster Gründe verspottet: »Tuntenfasching!« »Melkkuh der Industrie!«, »Uninspirierte Dudelmusik!« Zu konstatieren ist allerdings, dass Tokio Hotel einer der erfolgreichsten Kulturexporte der Bundesrepublik sind. Eine riesige weltweite Fanbase, zu 95 Prozent bestehend aus Frauen, die früher Mädchen waren und die mit der Band gealtert sind, bringt ihnen jedes noch so flache Album in die oberen Plätze internationaler Charts. Über dieses Phänomen hat Oliver Schwabe »Hinter die Welt« gefertigt, eine sehenswerte Dokumentation, die am späten Sonntag abend auf Arte läuft. Es ist die um eine halbe Stunde gekürzte Fernsehfassung des gleichnamigen Kinofilms, der im vergangenen Dezember rauskam und den es mittlerweile auch auf DVD gibt.

Vier erwachsene Kinderstars, allesamt Millionäre, aber als Band doch strikt in zwei Hälften geteilt. Bassist Georg Listing und Schlagzeuger Gustav Schäfer haben bei der Musikproduktion kaum etwas zu melden, leben wieder in ihrer Heimatstadt Magdeburg, gehen mit dem Hund Gassi über Bördefelder und lassen den Blick in die Ferne über Dom und Elbe schweifen. Die Gebrüder Kaulitz, Sänger und Gitarristen, flanieren unzertrennlich durchs karge Süd­kalifornien, die Skyline von Los Angeles und den Jetset im Nacken. Dort haben sie ihre Ruhe, dort werden sie nicht mit Flaschen und Eiern beworfen.

Der Film kommt ohne Off-Kommentar aus. Im Gegensatz zur Fernsehversion wirken Tokio Hotel in der Langfassung zugänglicher: Bill Kaulitz trällert angesoffen im Wohnzimmerstudio, nüchtern analysiert man Umsatz und Finanzierung und irgendwann fällt trocken der Satz: »Wir könnten mittlerweile auch einfach zu viert Panflöte spielen.«

Geht es direkt um heikle Themen, stößt diese Offenheit jedoch an Grenzen. Die Bravo-Generation von 2005 fragt sich seit über zehn Jahren: »Ist Bill schwul?« Der gibt sich 2018 ganz idealistisch: »Ich will, dass das allgemein kein Thema mehr ist!« Man könnte fragen, weshalb er seine Songs ausschließlich und eindeutig an eine »She« adressiert, wenn er doch über seine Partnerschaften immer geschlechtsneutral von »jemandem« spricht und noch dazu kürzlich auf Instagram in recht haarigen Armen lag.

Dass der Zuschauer sich solche Gedanken machen muss, weil er selbst wieder zum Teenie wird, ist der kastrierten TV-Fassung geschuldet, die den Film mehr zum Werbespot macht, als es Regisseur Schwab wohl intendiert hat. Die Öffentlich-Rechtlichen scheinen großes Interesse daran zu haben, das sorgfältig gepflegte Image der Marke Tokio Hotel im Sinne aller wirtschaftlich Beteiligten nicht zu stören. Trotzdem ist »Hinter die Welt« kein uninteressanter Beitrag über vier Menschen, die von klein auf in dem Irrsinn leben, hauptberufliche Projektionsfläche für Industrie und Pubertät zu sein.

»Hinter die Welt«, am Sonntag um 23.10 Uhr auf Arte

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