Aus: Ausgabe vom 21.07.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Wo Sinn recht hat

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs

Von Lucas Zeise
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Der frühere Leiter des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn

Fast eine Billion Euro Schulden hat die Gesamtheit der Euro-Zentralbanken bei der Deutschen Bundesbank. Das erfahren wir dank Hans-Werner Sinn, dem inzwischen pensionierten früheren Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Sinn hatte uns schon früher auf dem laufenden gehalten über das Zahlungs- und Verrechnungssystem der am Euro beteiligten Zentralbanken. Das von der Bundesbank entwickelte System heißt »Target« und, weil es schon das Nachfolgemodell ist, genauer »Target 2«. Es ist für Großbeträge eingerichtet. »Groß« ist wörtlich gemeint, denn über dieses System laufen arbeitstäglich wahrhaft riesige Zahlungsströme, und zwar vorwiegend zwischen den privaten Geldinstituten und dem »Euro-System«, was die Kurzform für die staatlichen nationalen Zentralbanken plus die Europäische Zentralbank (EZB) an ihrer Spitze ist. Es ist eine der Sonderbarkeiten dieses Konglomerats Euro-System, dass Schuldbeziehungen zwischen den beteiligten Notenbanken entstehen können, und das, wie Sinn wortreich beklagt, nicht zu knapp.

Genau waren es 976 Milliarden Euro Schulden, die bis Ende vorigen Monats im Target-System bei der Deutschen Bundesbank aufgelaufen sind, berichtete Sinn in einem Gastbeitrag der FAZ am Dienstag. Die Summe entspreche etwa 30 Prozent der jährlichen deutschen Wirtschaftsleistung und der Hälfte des gesamten Nettoauslandsvermögens (Ende 2017: 1.929 Milliarden Euro). Nicht nur die enorme Größe dieser Guthaben »unserer« Bundesbank ärgert Sinn. Vor allem, dass dieser Kredit unwillkürlich aufläuft, dass er zum offiziellen Leitzins der EZB von (seit 2016) null Prozent verzinst wird, dass er nicht fällig gestellt, gekündigt werden kann und – am schlimmsten – dass er im Falle des Scheiterns des Euro oder zum Beispiel bei einem Austritt Deutschlands aus der Euro-Zone unwiederbringlich verloren sein könnte. Schon jetzt müsste die Bundesbank, wäre sie eine Geschäftsbank, diesen faulen Kredit von einer knappen Billion mit Verlust abschreiben, findet er.

Das Schlimme ist, der Mann hat mit fast allem recht, was er da schreibt. Die Gründer des Euro und seiner Zentralbank konnten oder besser wollten sich nicht entscheiden zwischen einheitlichen Geldschöpfungskonditionen (gleichem Zinssatz) und dem Wettbewerb auf dem Kapitalmarkt. So blieben die nationalen Zentralbanken erhalten, sie müssen den Geschäftsbanken von Rovaniemi bis Valletta zum gleichen Zins Geld zur Verfügung stellen, tun das aber auf eigene Rechnung und erzeugen so ein Zahlungsgefälle dorthin, wo der Kapitalmarkt am wenigsten ergiebig ist, also in die Hochzinsländer des Südens.

Sinn vergleicht die riesigen Guthaben der Bundesbank im Euro-Zahlungssystem mit den satten Zuflüssen an Gold und Dollar in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Beider Ursachen sind die riesigen Überschüsse in der Handels- und Leistungsbilanz dieses Landes, bei fixen Wechselkursen damals bzw. im Rahmen einer europäischen Einheitswährung heute. Dieses Überschussgeld liegt bestenfalls nutzlos herum und dient schlechtestenfalls als Machtmittel zur Knebelung anderer Euro-Länder. In letztere Richtung zielen denn auch Sinns »Reformvorschläge«.

Wir wiederholen dagegen langsam zum Mitdenken: Eine sanfte Scheidung aus der Euro-Union ist derzeit die beste vorstellbare Perspektive.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main.

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Debatte

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  • Beitrag von Christof T. aus S. (20. Juli 2018 um 20:55 Uhr)

    »So blieben die nationalen Zentralbanken erhalten.« Hierin liegt ein großes Missverständnis, denn auch wenn der Name erhalten blieb, sind die »nationalen Zentralbanken« nichts weiter als Filialen der EZB – der einen Zentralbank für die gesamte Euro-Zone.
    Es gibt nur ein zweistufiges Bankensystem: Die Geschäftsbanken haben ein (Zentralbankgeld-)Konto bei »ihrer nationalen Zentralbank« – also bei der für sie regional zuständigen Filiale der EZB. Und die EZB regelt die Geschäftsbeziehungen der Geschäftsbanken untereinander – eben mit dem Target-2-System. Target-2-Salden zeigen also nur, in welcher Filiale der EZB besonders viele Einzahlungen und in welcher mehr Auszahlungen vorgenommen wurden.
    Hätten wir ein dreistufiges Banksystem, dann hätten die Geschäftsbanken (nach wie vor) ein Konto bei »ihrer« nationalen Zentralbank, aber diese Zentralbanken hätten dann selber wiederum ein Konto bei der EZB. Aber dann würde es auch keine Target-2-Salden geben ...
    Im übrigen würde sich für die gesamte Euro-Zone nichts ändern, wenn alle Geschäftsbanken ihr (Zentralbankgeld-)Konto direkt bei der EZB hätten, nur bräuchte man dann weder das Target-2-System noch die »nationalen Zentralbanken«.

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