Aus: Ausgabe vom 21.07.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Marxisten zahlen zu wenig

In Nepal fordern Gewerkschaften die Erhöhung des Mindestlohns. Arbeiter wandern zu Tausenden auf Jobsuche ins Ausland ab

Von Thomas Berger
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Ein Arbeiter schuftet in einer Ziegelei in Bhaktapur, Nepal (12.1. 2018)

In Nepal regiert seit dem Frühjahr die wiedervereinigte Kommunistische Partei (KP). Gerade benachteiligte Gruppen der Gesellschaft verbinden große Hoffnungen mit der von Premier Sharma Oli (KP, vormals Vereinigte Marxisten-Leninisten) und Pushpa Kamal Dahal (ehemals Maoisten) geführten Linksregierung.

Doch zeichnen sich schon jetzt zuvor ungeahnte Konfliktlinien ab. So drohen die Gewerkschaften mit Streik. Hintergrund ist der Disput um die Höhe des allgemeinen Mindestlohns im Land. Den hat die Regierung gerade offiziell auf 13.450 Rupien (104 Euro) pro Monat festgesetzt. Das ist zwar ein 40prozentiger Aufschlag gegenüber jenen 9.700 Rupien (75 Euro), die zuletzt Stand der Dinge waren. Aber nach Ansicht der Gewerkschaften reicht auch die neue Summe nicht aus, um das Existenzminimum zu sichern. Schon in den Verhandlungen rund um die Neufestsetzung hatten sie immer einen Betrag von mindestens 15.000 Rupien gefordert, der (zusammen mit Zuschlägen für Überstunden und anderen Ergänzungsbeträgen) gerade so als ausreichend erachtet werden könne. Inzwischen wird immer deutlicher die Forderung nach sogar 22.000 Rupien (170 Euro) erhoben.

Die Regierung sieht sich in einer Zwickmühle. Noch am 1. Mai hatten Premier Oli und andere vor der kämpferischen Basis der Kommunisten im Grunde mit den gleichen Aussagen argumentiert, die nun in ihrer Kritik die enttäuschten Gewerkschaftsführer ins Feld führen. Es gehe darum, gerade den jungen Leuten in der Heimat Jobperspektiven mit ausreichender Entlohnung zu bieten, damit diese nicht das Heer jener verstärkten, die schon als Bauarbeiter und in anderen Sektoren unter gefährlichen Bedingungen im Ausland ihre Haut zu Markte tragen – zumeist in den reichen Golfmonarchien. Dass gewerkschaftliche Vorkämpfer Oli und Co. nun in der aktuellen Auseinandersetzung genau diese Sätze beinahe wortgleich entgegenschleudern, illustriert das Dilemma, in dem sich die Regierenden befinden. Einerseits können große Umwälzungen, eine Modernisierung des Staates und mehr Gerechtigkeit für seit Jahrzehnten Benachteiligte, nicht auf einen Schlag in vollem Umfang erfolgen. Das lassen schon die begrenzten ökonomischen und finanziellen Ressourcen gar nicht zu. Schließlich zählt Nepal nach wie vor zu den am wenigsten entwickelten Ländern (LDC). Und der Sprung vom zuletzt 2016 fixierten Mindestlohn auf den neuen Wert fällt bereits sehr viel höher aus als bei allen bisherigen Anhebungen.

Wer in Nepal lebt, der weiß allerdings auch: Selbst mit gut 13.000 Rupien kommt man nicht weit. Die Preise für Waren des täglichen Bedarfs sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Eine Einzelperson könnte sich zudem mit der Summe noch durchschlagen – in der Regel muss davon aber eine ganze Familie leben. Nur wenige haben zwei volle Löhne zur Verfügung, bestenfalls steuern der jeweils andere Partner oder ein erwachsenes Kind noch ein paar ergänzende Einkünfte bei. Weil es zu wenige Arbeitsplätze gibt, verlassen monatlich Zehntausende das Land.

Fast 95 Prozent derer, die in Kathmandu in die Flugzeuge mit Ziel Dubai, Abu Dhabi oder Doha steigen, sind männlich. Den Frauen fällt in der Regel die Aufgabe zu, die Familie zusammenzuhalten, während die Ehemänner zwei oder drei Jahre fort sind, aber immerhin halbwegs verlässlich alle paar Wochen oder Monate einen Teil ihres Lohnes heimwärts schicken. Die Länder des Golfkooperationsrates saugen rund die Hälfte des nepalesischen Arbeitskräfteexports auf, ein Drittel geht nach Malaysia. Der Anteil der Heimatüberweisungen am Bruttoinlandsprodukt ist zwischen 2004 und 2015 von knapp zwölf Prozent auf mehr als ein Drittel angestiegen, besagen Berechnungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Sie kommt auch zu dem Schluss, dass nahezu 50 Prozent der nepalesischen Familien von Zahlungen aus dem Ausland abhängig sind, ein weit höherer Anteil als in den Nachbarstaaten der Region. Wer sich eingehender mit den statistischen Erhebungen beschäftigt, der weiß auch, dass hinsichtlich der Herkunftsregionen teils gravierende Unterschiede bestehen. Die größte Zahl der Arbeitsmigranten kommt aus den Distrikten des Tieflandstreifens an der Grenze zu Indien, der Terai-Ebene. Das heißt allerdings nicht, dass Jobs in den Gebirgsregionen unbedingt viel leichter zu bekommen sind. Dort treten viele Dorfbewohner auf Arbeitssuche den Weg in die wenigen urbanen Zentren wie die Hauptstadt Kathmandu an.

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