Aus: Ausgabe vom 20.07.2018, Seite 15 / Feminismus

Ehrung einer Ausnahmefrau

Die vor einem Jahr verstorbene Politikerin Simone Veil wurde ins Pariser Panthéon aufgenommen

Von Kai Böhne
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Im Rahmen einer feierlichen Zeremonie wurden die Särge von Simone Veil und ihrem 2013 verstorbenen Ehemann Antoine am 1. Juli in die Ruhmeshalle überführt

In Frankreich war sie eine Institution: Simone Veil, geboren 1927, gestorben am 30. Juni 2017. Anfang dieses Monats wurde die Politikerin ins Pariser Panthéon aufgenommen. Sie ist damit erst die fünfte Frau, die in der »Ruhmeshalle« beigesetzt wurde – neben mehr als 70 Männern. Am Staatsakt im Beisein von Präsident Emmanuel Macron nahmen Tausende Menschen teil. Zum Gedenken an die Frauenrechtlerin, Auschwitz-Überlebende und Kämpferin für Aussöhnung wurden in Frankreich zudem eine Briefmarkenserie und eine Zwei-Euro-Münze mit Veil-Porträts aufgelegt.

Am 27. Januar 2004 war Veil anlässlich des »Holocaust-Gedenktages« – am 27. Januar 1945 hatten sowjetische Soldaten das Vernichtungslager Auschwitz im von den Nazis besetzten Polen befreit – als Hauptrednerin in den Deutschen Bundestag geladen. Man könne sich heute kaum vorstellen, wie traumatisch das Blutbad des Ersten Weltkrieges von 1914 bis 1918 auf die Zeitgenossen gewirkt habe, denn das Grauen des Zweiten Weltkriegs habe die Schrecken des Ersten überdeckt, sagte die frühere französische Gesundheitsministerin und EU-Parlamentspräsidentin. Historiker hätten »einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Trauma der blutigen Schlachten des Ersten Weltkriegs und der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs hergestellt«, führte Veil. Die Verbindung bestehe in der »Raserei des Nationalismus«. Mit dem Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen der Nazis, mit der Shoah und ihren Millionen Toten ohne Gräber, mit dem Versuch, das jüdische Volk auszulöschen, einem Plan, dessen Vollendung nur durch das Ende des Krieges knapp verhindert wurde, sei eine »Schwelle« überschritten worden. Ohne gezielte Bemühungen um Aussöhnung hätten sich die Völker Europas nicht von dieser Katastrophe erholen können, betonte die Politikerin. Voraussetzung für eine »freie Zukunft« Europas sei ein dauerhaftes Fundament aus zwei Pfeilern, der »Weitergabe von Erinnerung und Demokratie«.

Simone Veil wusste wovon sie sprach, ihre Familie war jüdisch. 1944 wurde Simone zusammen mit ihrer Familie von der Gestapo verhaftet. Ihr Vater und ihr Bruder wurden nach Litauen deportiert und starben dort. Eine ihrer Schwestern, die sich der Résistance angeschlossen hatte, wurde in Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt – und überlebte. Simone, ihre andere Schwester und ihre Mutter wurden ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. 1945 wurden die drei Frauen gezwungen, sich auf einen Todesmarsch ins KZ Bergen-Belsen in Niedersachsen zu begeben. Die Mutter starb in Bergen-Belsen an Typhus, die beiden Schwestern wurden von britischen Truppen befreit.

Später studierte Simone Veil Jura in Paris. Von 1974 bis 1979 kämpfte sie als Gesundheitsministerin gegen den erbitterten Widerstand aus Politik und Kirchen für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und den erleichterten Zugang zu Verhütungsmitteln. Beides setzte sie in der Nationalversammlung schließlich durch. Das französische Gesetz zur Fristenregelung wurde am 17. Januar 1975 vom Parlament verabschiedet und ist als »Loi Veil«, (»Veil-Gesetz«) bekannt. Zuvor waren viele Frauen infolge klandestin und oft dilettantisch durchgeführter Abtreibungen gestorben oder schwer erkrankt. Bis heute gilt Veil als eine der beliebtesten Politikerinnen Frankreichs und ist als Vorkämpferin für Frauenrechte hoch geschätzt.

2010 wurde sie für ihren Einsatz für die Grundrechte, für sozialen und politischen Fortschritt und die Völkerverständigung mit dem Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf ausgezeichnet. Von einem Teil des Preisgeldes ließ sie Heines Grab auf dem Pariser Friedhof Montmartre restaurieren.

Auf den erwähnten Briefmarken wird Veil in vier Facetten vorgestellt: als Kämpferin für Frauenrechte, als Ministerin, als Akademikerin und »Europäerin«. Die friedliche internationale Zusammenarbeit war ihr, die 1979 auch erste Präsidentin des EU-Parlaments geworden war, immer eines ihrer wichtigsten Anliegen.

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