Aus: Ausgabe vom 20.07.2018, Seite 15 / Feminismus

Nackte Gewalt

Indien: Erneut erschüttern zwei grauenhafte Sexualverbrechen die Nation. Eines der Opfer ist erst elf Jahre alt

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Kathua im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, 13. April 2018: Nach der tödlichen Gruppenvergewaltigung einer Achtjährigen hielten Frauen und Männer eine Protestmahnwache ab

Innerhalb weniger Tage sind in Indien zwei neue Fälle brutaler Gruppenvergewaltigungen bekanntgeworden. In der südindischen Metropole Chennai sollen 17 Männer ein elfjähriges Mädchen über Monate hinweg missbraucht haben. Alle Verdächtigen seien festgenommen worden, teilte die Polizei am Dienstag mit. Im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh vergewaltigten nach Polizeiangaben fünf Männer eine 35jährige Frau in ihrem Haus und verbrannten sie anschließend in einem Hindu-Tempel. Am Montag nahm die Polizei zwei Verdächtige fest.

Die Verbrechen an dem Mädchen sollen sich in einem weitgehend leerstehenden Gebäude mit 300 Wohnungen ereignet haben. Zu den Beschuldigten gehören in dem Wohnblock beschäftigte Sicherheitsleute und Klempner. Ein 66jähriger, der in dem Komplex einen Aufzug bediente, soll sich als erster an dem Kind vergangen haben, als es aus der Schule nach Hause kam. Nach Angaben der Polizei lud er später andere Männer ein, die sich gegenseitig bei den Taten filmten – und mit den Aufnahmen auch ihr Opfer erpressten. Nach einer Weile hätten die Männer begonnen, die Kleine zu betäuben. Die Ermittlungen zu dem Fall befänden sich noch am Anfang, sagte ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur AFP. Das Mädchen vertraute sich schließlich seiner älteren Schwester an, die Mutter erstattete Anzeige. Die festgenommenen Männer wurden Medienberichten zufolge am Dienstag nach einer Anhörung in einem Gerichtsgebäude zusammengeschlagen – mutmaßlich von Anwälten. Seit wenigen Monaten ist in Indien eine Gesetzesverschärfung in Kraft, nach der die Vergewaltigung von unter Zwölfjährigen mit der Todesstrafe geahndet wird.

Die Tat in Uttar Pradesh ereignete sich den Berichten zufolge am 14. ­Juli. Bisherige Ermittlungen ergaben, dass das Opfer aus derselben Großfamilie und demselben Ort stammte wie die Täter. Die zweifache Mutter teilte demnach ihrem Mann am Telefon die Namen der Täter mit. Doch für sie kam jede Hilfe zu spät. Die Täter schleppten sie in einen nahe gelegenen Tempel und zündeten sie an.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Kinder ist in Indien ein großes Problem. Vielfach werden sie von Männern nach wie vor als Besitz betrachtet. Amtlichen Angaben zufolge wurden 2016 landesweit fast 40.000 Vergewaltigungsfälle registriert, davon mehr als 4.800 in Uttar Pradesh, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat. Bei fast der Hälfte der erfassten Sexualverbrechen waren die Opfer jünger als 18 Jahre. Viele Betroffene werden nach den Taten ermordet.

Zugleich rufen Fälle, die publik werden, seit einigen Jahren regelmäßig Massenproteste gegen frauenfeindliche Gewalt hervor. Seit der tödlichen Vergewaltigung einer Studentin durch sechs Männer in der Hauptstadt Neu-Delhi im Dezember 2012 ist das Thema nicht mehr aus der öffentlichen Debatte verschwunden. Die 23jährige Jyoti Singh Pandey wurde am 16. Dezember 2012 so schwer an Genitalien und inneren Organen verletzt, dass sie knapp zwei Wochen später verstarb. Ihr Freund, in dessen Begleitung sie unterwegs gewesen war, wurde von den Tätern mit einer Eisenstange bewusstlos geschlagen.

Im Januar dieses Jahres erschütterte der Fall einer Achtjährigen das Land, die gestorben war, nachdem mehrere Männer sie verschleppt, unter Drogen gesetzt und in einem Hindu-Tempel tagelang sexuell misshandelt hatten. Am 11. Juli wurde ein prominenter Politiker der hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP der Vergewaltigung einer 16jährigen angeklagt (siehe jW vom 13.7.).

Die Gesetzesverschärfungen haben bislang keine nennenswerten Folgen gehabt. Denn noch immer arbeitet die indische Justiz notorisch langsam. Zahlen der Gerichte zufolge harren in dem 1,3-Milliarden-Einwohner-Staat beispielsweise mehr als 110.000 Fälle von Kindesmissbrauch ihrer juristischen Aufarbeitung.

(jW-Bericht/mit Agenturen)

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