Aus: Ausgabe vom 20.07.2018, Seite 8 / Inland

»Wir wollen das Haus so lange wie möglich nutzen«

Leerstand und Wohnungsnot auch in Hildesheim: Kollektiv besetzt »Bleistifthaus«. Gespräch mit Cora Lieferd

Interview: Jan Greve
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Besetzen gegen den Leerstand: Das Bleistifthaus in Hildesheim

Am Montag hat ein Aktivistenkollektiv das sogenannte Bleistifthaus in Hildesheim besetzt. Wer genau ist daran beteiligt, und wie kam es dazu?

Wir sind eine Initiative von etwa 30 Leuten namens »Freiräume Hildesheim«, die sich anlässlich dieser Hausbesetzung gegründet hat. Wir sind ein Zusammenschluss von sehr unterschiedlichen Menschen: langjährige politische Aktivisten, Studierende – die die nun besetzten Räumlichkeiten zuvor im Rahmen eines Projektsemesters genutzt hatten – und Menschen, die in sozialen Bereichen arbeiten. Am Montag abend haben wir das Gebäude besetzt, am Dienstag haben wir dort ein Sommerfest gefeiert.

Was genau ist das für ein Haus?

Früher befanden sich dort Werkstätten und Seminarräume von der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst. Es ist ein zweistöckiges, recht großes Gebäude. Bis vor etwa zwei Wochen wurde es von der Universität genutzt, die es temporär für das Sommersemester angemietet hatte. Dort fand ein Projekt statt, bei dem es um die Proteste rund um 1968 ging. Das hat wiederum Leute zu unserer Besetzung inspiriert.

Spannend ist die rechtliche Situation. Die Universität ist bis Ende Juli noch Mieterin des Gebäudes. Das ist für uns eine gute Ausgangslage: Die Uni will uns zwar hier raus haben, uns dafür aber nicht räumen. Das würde ja schlechte Presse bedeuten. Der Eigentümer wiederum kann uns nicht räumen, weil die Uni Mieterin ist. Beide Parteien schieben sich zur Zeit gegenseitig die Verantwortung zu. Für uns also eine ganz gute Situa­tion, mal sehen wie es weitergeht.

Am Mittwoch morgen gab es ein Treffen zwischen der Universität und dem Eigentümer. Wie ist der aktuelle Stand?

Es hat ein Gespräch gegeben, bei dem Vertreter der Universität Druck auf uns ausgeübt haben, in der Hoffnung, dass sie uns herauskomplimentieren können. Wir haben aber beschlossen, in dem Haus zu bleiben und es so lange wie möglich nutzen zu wollen. Bis 15 Uhr sollten wir das Gebäude räumen, daraufhin haben wir für diesen Zeitpunkt eine Kundgebung organisiert. Unter dem Strich sind wir immer noch hier, die Lage ist friedlich.

Der Eigentümer hat gesagt, er wolle die Universität nicht aus dem Mietvertrag entlassen, solange wir in dem Haus sind. Unklar ist, inwieweit das rechtlich umsetzbar ist. Das müssen wir noch abwarten. Er wollte uns nicht sagen, was er vorhat. Wir haben uns als Nutzer angeboten, was er zunächst abgelehnt hat. Wir hoffen, ihn durch unsere Ideen und deren Umsetzung doch noch überzeugen zu können. Bisher hat sich der Eigentümer uns gegenüber sehr unkooperativ gezeigt und gesagt, eine Zwischennutzung komme für ihn nicht in Frage. Sein ursprünglicher Plan, das Gebäude abzureißen und ein Parkhaus dort zu bauen, ist mittlerweile schon wieder hinfällig. Er ist Steuerberater und besitzt mehrere Immobilien. Einige seiner Häuser stehen leer, andere sind vermietet.

Wie kam es letztlich zu der Besetzung?

Wir haben uns überlegt, wie wir auf die Notwendigkeit von Freiräumen in der Stadt aufmerksam machen können. Die Besetzung des Bleistifthauses hat sich dann wegen des drohenden Leerstands angeboten. Auch in Hildesheim steigen die Mieten, die Entwicklung haben Großstädte nicht exklusiv. Es gibt hier auch ein großes Problem mit leerstehenden Ladenflächen. Gleichzeitig wurde vor einigen Jahren ein neues riesiges Einkaufszentrum gebaut, wofür wiederum relativ bezahlbarer Wohnraum abgerissen wurden.

Wie reagiert die Nachbarschaft auf die neuen Nutzer?

Wir haben am Donnerstag ein Soli­paket aus Hamburg bekommen, das hat uns sehr gefreut. Menschen haben uns Essen vorbeigebracht, Anwohner sprechen uns Mut zu. Die Tür zum Haus ist offen, das Gebäude ist frei zugänglich. Vor dem Eingang stehen Sofas und Tische, man kann dort Tee und Kaffee trinken.

Cora Lieferd ist Aktivistin in Hildesheim

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