Aus: Ausgabe vom 16.07.2018, Seite 4 / Inland

Kapitalismuskritik unerwünscht

Leipzig: Studentinnenrat entzieht linkem Filmfestival finanzielle Förderung. Vorwurf: »Struktureller Antisemitismus«

Von Susan Bonath
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Ist der »antideutschen« Fraktion im Stura der Uni Leipzig zu »antisemitisch«: Der Dokfilm »System Error« (Szene aus dem Film)

Wer wissen will, wie der Kapitalismus möglicherweise endet und wie Regisseur Florian Opitz das sieht, kann seinen Film zum Thema am 1. August im Leipziger Clara-Zetkin-Park anschauen. An diesem Tag startet das Filmfestival »Globale« mit der Dokumentation »System Error – Wie endet der Kapitalismus?« Bis zum 22. November präsentieren die Organisatoren rund um den örtlichen Ableger des Netzwerkes ATTAC Dokumentationen, Spielfilme, Vorträge und Diskussionsrunden über die Auswirkungen des global existierenden Kapitalismus. Der Eintritt zu den Veranstaltungen des seit 2004 stattfindenden Festivals »Globale« ist frei. Darum ist der gleichnamige Verein auf Spenden angewiesen. Der Studentinnenrat (Stura) der Universität Leipzig war bislang mit 1.000 Euro dabei und stellte gelegentlich Räume zur Verfügung. Das ist nun vorbei. Denn angeblich, so der Stura, habe der Verein vergangenes Jahr nicht nur den Israel-Palästina-Konflikt einseitig dargestellt. Auch die Kapitalismuskritik in diversen Streifen sei »strukturell antisemitisch«.

Hintergrund: Stura-Mitglied Nina Heinke hatte beantragt, das Filmfestival nicht länger zu unterstützen (der Antrag liegt jW vor). Denn das widerspreche einem Beschluss des Studenten-Gremiums aus dem Jahr 2015 unter dem Titel »Gegen jeden Antisemitismus«. Heinke spricht darin von »einigen« zu kritisierenden Filmen, nennt aber nur zwei. So stelle die 2017 gezeigte Dokumentation »Milliarden für den Stillstand – Die Rolle der EU im Nahostkonflikt« die Verhandlungen zwischen Israel und der palästinensischen Führung »falsch und Israel bewusst als Wasser raubenden Aggressor im Nahen Osten dar.« In einem weiteren Film komme »eine Kritik der europäischen Austeritätspolitik gegenüber Griechenland nicht ohne die Konstruktion des Feindbildes ›böser Bänker‹ aus«.

Zwar habe der Stura diesen Antrag zunächst mehrheitlich abgelehnt, sich aber auch dagegen entschieden, das Filmfestival weiterhin zu unterstützen oder zu bewerben, berichtete »Globale«-Mitorganisator Mike Nagler im Gespräch mit jW. Zudem habe das Gremium seinem Verein kurzfristig den Raum abgesagt sowie einen Antrag der ATTAC-Hochschulgruppe abgewiesen, als Arbeitsgemeinschaft des Stura tätig sein zu dürfen.

»Interessant ist dabei, dass hingegen rechte Gruppen wie der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) keinerlei Probleme haben, eine Arbeitsgemeinschaft des Stura zu werden«, sagte Nagler, der früher selbst Sprecher des Stura in Leipzig war. Sein Eindruck: In den letzten Jahren hätten sich dort sogenannte Antideutsche – heute bezeichnen sich diese Gruppen selbst lieber als »ideologiekritisch« – eingenistet. Wer kapitalistische und imperialistische Entwicklungen anprangere, müsse seither damit rechnen, von ihnen als Antisemit und Verschwörungstheoretiker angegriffen zu werden. Nagler differenziert aber: »Ich glaube, dass es sich um eine kleine, aber laute Gruppe handelt, und viele Stura-Mitglieder eingeschüchtert sind.«

In einer Stellungnahme bezeichnet der Verein »Globale« den Vorwurf des »strukturellen Antisemitismus« als »haltlos und unbegründet«. Offenbar wollten einige Stura-Vertreter jede Diskussion über das Handeln kapitalistischer Staaten und Bündnisse verhindern. »Dies sollte jedoch im Rahmen eines demokratischen Diskurses möglich sein«, so die Organisatoren des Filmfestivals. Die »Kritiker« pflegten wohl selbst antisemitische Ressentiments, indem sie Bänker und Juden gleichsetzten, also versuchten, »die Auswirkungen kapitalistischer Verhältnisse mit dem Judentum zu verbinden«. Der Verein stellt klar: »Dies praktiziert lediglich die Antragstellerin, aber niemand in den Filmen, die auf der Globale gezeigt werden und auch keiner der Referenten.« Letztlich würden so der wirkliche Antisemitismus und die Verbrechen der Naziherrschaft verharmlost.

Erst vor wenigen Wochen war der Leipziger Stura als Mitorganisator der Veranstaltungsreihe »70 Jahre Israel« in die Kritik geraten. AfD-Fan Thomas Maul, der für das »antideutsche« Hausblatt Bahamas schreibt, sollte dort einen islamfeindlichen Vortrag halten. Nach einem jW-Bericht zog die Universität das Raumangebot zurück. Der vermeintlich linke Szeneclub »Conne Island« sprang ein. Maul lobte dort dann unter anderem die Haltung ultrarechter Politiker aus Europa zum Umgang mit muslimischen Flüchtlingen.

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