Aus: Ausgabe vom 14.07.2018, Seite 11 / Sport

Sehr komisch

Frankreich, mach uns nicht unglücklich! Das WM-Finale darf nur einen Sieger kennen

Von Marek Lantz, René Hamann
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Lasst uns endlich Bauklötze staunen, ihr Deutschland-Revisited-Kicker! Antoine Griezmann, Sie sind gefragt

Sonntag, 17 Uhr, Frankreich – Kroatien

Kühl und berechnend – diesen Weg hat Frankreichs Coach Didier Deschamps gewählt, um Weltmeister zu werden. Dass es so kommt, daran bestehen keine Zweifel. Gegner Kroatien ist zwar ungemein zäh, doch gegenüber der mannschaftstaktischen und individuellen Qualität der Équipe Tricolore wirkt er hoffnungslos unterlegen. »Nicht höher springen als nötig«, das berühmte Motto des guten Pferdes, und Matchpläne, die auf Basis mathematischer Berechnungen bislang ungefährdet zum Erfolg führten, zeichnen den kommenden Champion aus. Dem rauschhaften Fußball hat sich das Team dagegen bislang verweigert. Allenfalls die kühle Selbstgewissheit, mit der es gelang, in der sechsminütigen Nachspielzeit beim 1:0-Halbfinalsieg gegen Belgien einen starken Gegner gar nicht mehr in die eigene Spielhälfte vordringen zu lassen, ließ Bauklötze staunen. Letztlich präsentiert sich der kommende Weltmeister in erster Linie als Gesamtkunstwerk – trotz des Glamours eines Kylian Mbappé, dessen gestreichelter Two-Touch-Hackentrick gegen Belgien einer der absoluten Turnierhöhepunkte war. Zumeist agiert man mit asymmetrischer Offensivformation, denn der formale Linksaußen Blaise Matuidi agiert als Achter, während sein Gegenüber Mbappé stürmt. Dennoch gibt es im Team mit N’golo Kanté als Sechser und Antoine Griezmann als offensiver Schnittstelle, über die die meisten Angriffe laufen, zwei Schlüsselakteure: Ersterer strukturiert das Team, wenn der Gegner angreift, zweiterer sobald man es selbst tut.

Marek Lantz

Frankreich – Kroatien 3:0

Kroatien gegen Belgien, das wäre das logische kleine Finale gewesen. Die beiden Geheimfavoriten, die bis zum Ende als Außenseiter gelten sollten. Technisch hochreife Spieler, im Falle der Kroaten allerdings allmählich über den Zenit: Aber hier stehen die Oldies in den Geschirrtuchhemden tatsächlich im großen Finale gegen die Deutschland-Revisited-Kicker aus Frankreich, die ungefähr so spielen wie ein Ferrari fährt, der sich in einer verkehrsberuhigten Zone an die vorgeschriebene Geschwindigkeit hält, um auch ja ungestört ans Ziel zu kommen. Chapeau, schon jetzt! Vielleicht nutzt Magier Deschampes, dem man so viel Taktik gar nicht zugetraut hätte, seine Offensiv-PS ja mal im Finale. Zumindest ein bisschen. So wie gegen Argentinien. Schlau wäre das, denn die Kroaten sind schon ganz gut im Rasenschach, im Rückstand wegstecken, im Aufholen, im das Remis in die Remise schaffen, im Shoot-Out, wenn es denn sein muss. Die können so ein Pari-Spiel eben auch gewinnen. Die muss man also fordern, mit Offensive. Wie das Finale aber wirklich ausgeht? Keine Ahnung: Es war eine komische WM. Ich hatte anfangs auf Argentinien gesetzt, wegen Messi, ich hätte gedacht, dass die Deutschen noch mal gegen Brasilien spielen, ich hätte auf Spanien im Halbfinale gesetzt. Auf Frankreich, ja. Aber auf Kroatien? Wann ist zum letzten Mal so ein Außenseiter in einem Finale gestanden? Die Tschechen! 1962. 1:3 gegen Brasilien. Ich denke, so geht das diesmal auch aus. Für Frankreich. Es lebe die Republik.

René Hamann

Frankreich – Kroatien 3:1

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