Aus: Ausgabe vom 14.07.2018, Seite 7 / Ausland

Kiez gegen Kirche

In Belgrad verlangen Anwohner, dass, wie vorgesehen, ein Gesundheitszentrum und Kindergärten statt einer Kapelle gebaut werden

Von Roland Zschächner
Kostspieliger Kirchenbau: Für die Arbeiten an der Kathedrale des
Kostspieliger Kirchenbau: Für die Arbeiten an der Kathedrale des Heiligen Savas in Belgrad schießt die serbische Regierung elf Millionen Euro zu

Dass der Glaube Berge versetzen kann, denken wohl die wenigsten im Belgrader Viertel Stepa Stepanovic. Am Samstag wollen die Nachbarn in der Innenstadt der serbischen Metropole auf die Straße gehen, um für den Bau eines Gesundheitszentrums in ihrem Kiez zu demonstrieren. Denn auf dem dafür vorgesehenen Grundstück begannen unlängst die Arbeiten für eine Kirche – ohne dass dafür eine Genehmigung vorlag oder die Anwohner befragt wurden. »Um Auseinandersetzungen zu vermeiden«, hatte die Polizei die Kundgebung zwar Anfang der Woche untersagt. Doch musste das serbische Innenministerium am Mittwoch zurückrudern, nachdem über das Verbot berichtet worden war.

Der Kampf der Bewohner von Stepa Stepanovic, die mehrheitlich der Belgrader Mittelschicht angehören, steht symbolisch für die offene Missachtung des Staates gegenüber den Interessen und Rechten seiner Bürger. Außerdem wirft die Tatsache, dass gerade eine Kapelle im Mittelpunkt der Kritik steht, ein Schlaglicht auf den Einfluss der Serbisch-orthodoxen Kirche auf staatliche Institutionen.

Für viele 14.000 Bewohner der Nachbarschaft handelt es sich um einen Fall von Betrug, der vor ihrer Haustür passiert. Denn beim Kauf der Wohnungen wurde ihnen versprochen, dass auf den damals noch brachliegenden Flächen ein Gesundheitszentrum mit Arztpraxen, Kindergärten und Schulen sowie ein Markt gebaut werden sollten. Von einer Kirche war damals keine Rede.

Auch heute noch werden die sozialen Einrichtungen auf der Internetseite der verantwortlichen staatlichen Baudirektion beworben. Der Slogan der Kundgebung lautet deswegen: »Bist du auch betrogen worden?« Sie steht zudem in einer Reihe von Protesten, die in den vergangenen Jahren stattfanden und sich gegen die Umgestaltung der Stadt im Interesse des Kapitals richten. So fanden beispielsweise nach dem illegalen Abriss eines ganzen Viertels für das Megaprojekt »Belgrad am Wasser« Großdemonstrationen statt.

In Stepa Stepanovic haben Unbekannte »Gesundheitszentrum« auf das Schild geschrieben, das über die Errichtung der Kapelle informieren soll. Schnell verlagerte sich der Protest auch auf die Straße. Ende Juni blockierten Bewohner die Baustelle. Hunderte kamen zusammen, um ihrem Unmut Luft zu machen. Denn mittlerweile hat ein privater Sicherheitsdienst die Parzelle in Beschlag genommen, dessen Angestellte zudem Nachbarn belästigt haben sollen. Wer die Wachleute engagiert hat, ist unklar.

Die Kirche ihrerseits behauptet, sie habe eine Genehmigung. Gleichzeitig weist der stellvertretende Bürgermeister Belgrads, Goran Vesic, alle gegen seine Verwaltung erhobenen Vorwürfe zurück und erklärte am Donnerstag, die Stadt sei »nicht verantwortlich für den Streit«, schließlich sei das strittige Grundstück nicht Eigentum der Kommune, und sowieso seien bereits eine Schule und ein Kindergarten gebaut worden. Letzteres stimmt sogar. Doch hatte man die doppelte Anzahl von Plätzen versprochen, während die bestehenden Kapazitäten bei weitem nicht für alle Kinder der Siedlung ausreichen.

Und auch die Frage, wem das Grundstück gehört, auf dem die Kirche gebaut werden solle, sehen die Anwohner anders. Denn in den 2014 von der Baudirektion vorgelegten Planungen für das Viertel, das auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne errichtet wurde, ist keine derartige private Nutzung vorgesehen. Der Verdacht liegt also nahe, dass der mächtigen Kirche das Grundstück unter der Hand zugeschoben wurde – inklusive der Baugenehmigung. Offensichtlich wurde nicht damit gerechnet, dass es die Bewohner – von denen einige sich gegenüber Medien selbst als Gläubige bezeichnen – wagen würden, gegen den Bau eines Gotteshauses zu protestieren.

Diese Form der Privatisierung von öffentlichen Gütern in den Besitz der Kirche verwundert nicht. Mit dem Ende des Sozialismus konnten die Patriarchen ihren Einfluss ausbauen, indem sie den serbisch-orthodoxen Glauben als Teil der nationalen Identität darstellen. Zwar sind offiziell Staat und Kirche getrennt, doch verpassen viele Politiker kaum eine Gelegenheit, ihre Frömmigkeit zur Schau zu stellen. Die Bürger kommt dies teuer zu stehen. So werden beispielsweise Kirchenbauten großzügig subventioniert, mit Mitteln, die für die öffentliche Daseinsvorsorge fehlen.

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