Aus: Ausgabe vom 14.07.2018, Seite 5 / Inland

Anhaltende Flaute

Gewerkschaft warnt vor weiterer Stellenvernichtung im Windkraftanlagenbau. Unternehmen bricht Teil des Binnenmarktes weg

Von Wolfgang Pomrehn
Hauptversammlung_Nor_34698884.jpg
Der »Beschäftigungsmotor« stottert: In der Windkraftindustrie droht Arbeitsplatzabbau (Rotorflügel des Herstellers Nordex in Rostock)

Lange Zeit galt die Windenergieindustrie als »Beschäftigungsmotor«. In der Branche wurden Stellen geschaffen. Mittlerweile hat sich der Wind aber gedreht. Die Lohnabhängigen im Windkraftanlagenbau haben ein Problem. Die IG Metall rechnet nach einer Betriebsrätebefragung damit, dass (weitere) Arbeitsplätze in der Branche verlorengehen. Noch sei die Auslastung der Hersteller von Windkraftanlagen mit 86 Prozent gut, aber in den meisten Betrieben herrsche schlechte Stimmung. 65 Prozent der befragten Interessenvertreter erwarten demnach eine »negative Marktentwicklung«. Nur im Bereich Service und Wartung sei davon nichts zu spüren. Bestehende Anlagen müssen schließlich überwacht und in Stand gehalten werden, ein krisensicherer Job.

In der Fertigung macht sich hingegen der starke Kostendruck bemerkbar, der durch die neu eingeführten Ausschreibungen entsteht. Hierbei bekommen jene Projekte den Zuschlag, die den Strom zu den niedrigsten Preisen anbieten. Das führt zu einem erheblichen Druck auf die Anlagenpreise, den die Hersteller wiederum an die Beschäftigten weiterreichen. Rationalisierungen und Betriebsschließungen sind die Folge. Senvion aus Hamburg (ehemals Repower) hat bereits sein Stammwerk im schleswig-holsteinischen Husum sowie ein weiteres im brandenburgischen Trampe geschlossen. In Bremerhaven und im niedersächsischen Lemwerder mussten Ende letzten Jahres die Rotorblatthersteller Power Blades und Carbon Rotec Insolvenz anmelden. Alle vier Werke liegen in sogenannten strukturschwachen Regionen. Die nun erwerbslosen Arbeiter werden es schwer haben, eine gleichwertige neue Beschäftigung zu finden. 2.000 Arbeitsplätze seien insgesamt bereits vernichtet worden, heißt es bei der IG Metall.

»Die Auswirkungen auf die Beschäftigten sind dramatisch«, so der Bezirksleiter der Gewerkschaft für den Bezirk Küste, Meinard Geiken. Er befürchtet durch die Entlassungen zudem einen Know-how-Verlust für die Branche. Große Sorgen macht der IG Metall auch die Entwicklung des Binnenmarktes: Durch anfängliche Fehler im neuen Ausschreibungssystem geht derzeit der Ausbau deutlich zurück und wird im kommenden Jahr vermutlich noch weiter schrumpfen. Das Problem ist seit längerem bekannt, weshalb sich die Berliner Regierungsparteien in ihrem Koalitionsvertrag auf baldige Sonderausschreibungen geeinigt hatten. Doch die Sache verzögert sich. Dem Vernehmen nach blockieren Teile der CDU einen entsprechenden Gesetzentwurf, an dem im Wirtschaftsministerium gearbeitet wird.

Aber auch langfristig gibt es auf dem deutschen Markt für Windenergieanlagen ein Problem. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sieht in seiner aktuellen Fassung vor, dass der Ausbau an Land auf eine jährliche Gesamtleistung von 2.800 Megawatt (MW) bzw. 2.900 MW ab 2020 begrenzt werden soll. Das ist nur gut die Hälfte des noch 2017 erreichten Ausbaus. 2.900 MW Windkraftleistung können, übers Jahr gemittelt, etwa 60 Prozent eines größeren AKW ersetzen. Gleichzeitig läuft auch der Ausbau auf See wegen zu geringer Ausschreibungsmengen nur noch schleppend.

Den deutschen Anlagenbauern bricht also ein Teil des Binnenmarktes weg. Allerdings sind sie nicht nur vom hiesigen Geschäft abhängig. 70 Prozent der in der BRD hergestellten Windkraftanlagen werden exportiert, heißt es bei der Kraftwerkssparte des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, VDMA Power Systems. Doch nicht immer ist die Ausfuhr die beste Option, und längst haben deutsche Unternehmen diverse Auslandsdependancen aufgebaut oder wie Siemens dänische und spanische Hersteller aufgekauft. Türme und Rotorblätter um den halben Erdball zu verschiffen ergibt außerdem meist wenig Sinn. Schließlich haben einige Länder wie etwa Brasilien die Anforderung, dass der größere Teil der Anlagen im Inland hergestellt werden muss. So wird zum Beispiel der Anlagenhersteller Nordex aus Hamburg die Turbinen für den kürzlich in Brasilien an Land gezogenen größten Auftrag seiner Firmengeschichte vor Ort herstellen. 191 Anlagen mit einer Gesamtleistung von 595 Megawatt sollen ab Oktober 2019 im nördlichen Bundesstaat Piaui errichtet werden.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Fusion macht Sorgen (31.05.2018) Beschäftigte der Bahnsparten von Siemens und Alstom fordern bei Aktionstag Garantien für alle europäischen Standorte
  • Projekt Mitbestimmung (03.04.2014) Zweite Welle: Erneut stehen Betriebsratswahlen beim Energieanlagenkonzern Enercon an. IG Metall sucht das gezielte Gespräch mit Beschäftigten
  • Wandernde Wahlurne (25.11.2013) Komplizierte Betriebsratswahl bei Tochtergesellschaften des Windkraftanlagenherstellers Enercon. Gremien und Listen in neun Firmen aufgestellt
Mehr aus: Inland