Aus: Ausgabe vom 14.07.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Mit Terror gegen Terror

Nigerias Führung feiert Sieg über Islamisten, doch deren Milizen sind weiterhin aktiv. Dem Präsidenten und den Militärs nützt der Krieg trotzdem, die Zivilbevölkerung leidet

Von Christian Selz, Kapstadt
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»Boko Haram« vertrieben: Ein Mädchen in der Stadt Damasak, die von Soldaten aus Nigeria und dem Tschad eingenommen wurde (20.3.2015)

Als Nigerias Präsident Muhammadu Buhari am Freitag vergangener Woche mit einer Festrede die insgesamt einwöchigen Feierlichkeiten zum »Tag der Nigerianischen Armee« abschloss, rühmte er die Truppen einmal mehr für »ihre Rolle beim Sieg über die Aufständischen von Boko Haram«. Diesen Erfolg hat Buhari schon mehrmals verkündet, der Realität entspricht das allerdings nicht. Doch Nigerias Führung setzt auf Symbolik und will vor den Wahlen im kommenden Jahr Stärke demonstrieren.

Entsprechend wurde auch der Ort des Militärfests gewählt: Monguno, eine mittelgroße Bezirkshauptstadt im Bundesstaat Borno, war im Januar 2015 von der Miliz überrannt worden, Amnesty International hatte der Armee seinerzeit vorgeworfen, die Zivilbevölkerung trotz Warnungen im Stich gelassen zu haben. Erst drei Wochen später vertrieb das Militär die Aufständischen mit Angriffen von Luftwaffe und Bodentruppen. Diesen Erfolg würdigte nun auch Buhari noch einmal. Auf die Kritik an seiner Armee, der immer wieder schwerste Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen worden waren, ging er dagegen mit keinem Wort ein.

Aufständische in Offensive

Die Feierlichkeiten sollen wohl von der Wahrheit ablenken. Erst Mitte Juni attackierten Aufständische eine Militärbasis in Gajiram, 80 Kilometer nördlich von Maiduguri, der Hauptstadt von Borno, und töteten neun Soldaten – das zumindest berichtete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Armeedokumente. Offiziell verkündete die Polizei des Bundesstaats, dass ihre Kräfte den Angriff im Verbund mit der Armee »umgehend zurückgeschlagen« hätten. Eigene Opfer habe es nicht gegeben. Doch derlei Dementis können längst nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass die Aufständischen nicht nur weiterhin aktiv, sondern sogar in der Offensive sind. 220 islamistische Attacken hat die internationale Risikoberatungsagentur »Control Risks« in den zwölf Monaten seit Mai 2017 in Nigeria gezählt. Das ist die höchste Zahl in Westafrika, wo der Organisation zufolge im Beobachtungszeitraum 36 Prozent der weltweit verzeichneten Angriffe islamistischer Organisationen verübt wurden. Für Mali gibt sie 194 und für Kamerun 96 Attacken an.

Nigerias Präsident Buhari setzt, ebenso wie die Regierungen der Nachbarstaaten, dennoch weiterhin auf eine Politik der eisernen Hand. Nachvollziehbar ist das aus zwei Gründen: So kann er sich nach innen als unnachgiebiger Antiterrorkämpfer darstellen und gleichzeitig die »Militärhilfen« aus den USA weiter in Empfang nehmen, die der Armeeführung ein erkleckliches Einkommen garantieren. Die Rüstungslieferungen kommen noch immer pünktlich, auch nachdem die Militärs Ende 2016 eingestehen mussten, dass einige ihrer Offiziere Kriegsgerät an die Miliz verkauft hatten.

Wie erfolgreich die Streitkräfte tatsächlich sind, darauf deuten Nachrichten über einen Prozess hin, in dem ein Sondergericht in einer Militäreinrichtung in der Stadt New Bussa im Westen Nigerias am Montag und Dienstag insgesamt 113 Menschen als »Boko-Haram-Angehörige« zu Haftstrafen verurteilte. 111 weitere Angeklagte wurden der Tageszeitung The Nation zufolge wieder freigelassen. Unter den Verdächtigten war demnach auch ein 16jähriges Mädchen, das »Sicherheitskräfte« bereits im Alter von 13 Jahren im Haus eines mutmaßlichen Boko-Haram-Anführers als dessen Frau identifiziert und anstelle des eigentlich Gesuchten verhaftet hatten. Gar zu drei Jahren Haft verurteilt wurde ein 73jähriger Mann, der Einsatzkräften Informationen vorenthalten und Boko-Haram-Angehörigen Lebensmittel verkauft haben soll.

NATO-Krieg sorgt für Waffen

Auch das US-Magazin Foreign Policy verwies im vergangenen Jahr in einem Artikel über eine Umfrage in Nordnigeria, dass der Krieg gegen die Miliz wenig erfolgversprechend ist. Demnach nannten die meisten Befragten als dringendste Probleme Arbeitslosigkeit, steigende Preise und Korruption, erst an vierter Stelle folgte der Terrorismus. Der Erhebung zufolge gab es zudem in Regionen mit höherer Arbeitslosigkeit mehr Befragte, die Sympathien für die Aufständischen hegten, was der Autor des Beitrags zu einer vehementen Kritik an US-Präsident Donald Trumps Kriegspolitik nutzte. Fairerweise wäre allerdings hinzuzufügen, dass die Islamisten vor allem von der einfachen Verfügbarkeit von Waffen infolge des NATO-Angriffs auf Libyen 2011 profitierten und ihr Erstarken damit – wie etliche weitere Milizen in Westafrika – auch der Regierung unter Barack Obama verdanken. Dass Trumps kontinuierliches Säbelrasseln die Lage nicht verbessert, sondern die von den westlichen Mächten abhängigen Regierungen in der Region dazu bewegt, einseitig auf militärische Aktionen zu setzen, liegt auf der Hand.

Wozu das führt, ist mutmaßlich auch in einem Video aus Kamerun zu sehen, das am vergangenen Dienstag im Internet veröffentlicht und seitdem weit verbreitet wurde. Darin filmen Männer in Armeeuniformen, wie sie zwei Frauen und zwei Kinder zunächst misshandeln und als Boko-Haram-Angehörige beschimpfen, ehe sie ihre Opfer aus nächster Nähe erschießen. Ein Militärsprecher kündigte daraufhin an, die Echtheit der Aufnahme überprüfen zu wollen. Die lokale Menschenrechtsorganisation »Redhac« erklärte, das Video nach einer Überprüfung als echt bestätigen zu können. Auch dem kamerunischen Militär wurden bereits in der Vergangenheit etliche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Am westlichen Ansatz, Terror mit Terror bekämpfen zu wollen, hat das bisher nie etwas geändert. Opfer bleibt die Zivilbevölkerung, die sowohl von den Terroristen als auch von staatlichen Truppen, die Erfolge präsentieren müssen, bedroht wird.

Die »Boko Haram« heißt eigentlich gar nicht so. Der international bekannte Name der islamistischen Miliz, die sich ursprünglich »Gemeinschaft der Anhänger der Sunna für die Rückbesinnung auf die Salaf« nannte, geht auf eine der Kernaussagen ihres Gründers Mohammed Yusuf zurück, der westliche Bildung (Boko) als Sünde (Haram) ansah. Die Lokalbevölkerung benannte die Sekte schließlich danach.

Die anfangs kleine Gruppe trat nach ihrer Gründung 2002 lange Zeit kaum in Erscheinung, rekrutierte ab 2004 aber bereits gezielt junge Männer und lieferte sich bald erste Auseinandersetzungen mit Einsatzkräften. Im Jahr 2009 verbot die Polizei eine Demonstration der Sekte, was zu mehrtägigen Kämpfen in Nordnigeria führte. Dabei starben Polizeiangaben zufolge allein in der Boko-Haram-Hochburg Maiduguri 600 Menschen. Die Armee sprach gar von 700 Toten. Sektenführer Yusuf wurde zunächst verhaftet, nach einem angeblichen Fluchtversuch jedoch getötet. Menschenrechtsaktivisten erklärten, Polizisten hätten Verdächtigte ohne jedes Verfahren direkt vor der Wache hingerichtet.

Die Führung der Sekte übernahm in der Folge ein Mann namens Abubakar Shekau, der bis heute etliche Male für tot erklärt wurde, aber noch immer am Leben sein soll. Shekau formte die Sekte zur Miliz um, änderte den Namen in »Gemeinschaft der Anhänger der Sunna für den Ruf zum Islam und zum Dschihad« und intensivierte die Angriffe auf den Staatsapparat. 2010 attackierte die Gruppe ein Gefängnis in der Stadt Bauchi, wobei 732 Häftlinge freikamen, darunter auch mehr als 100 Menschen, die infolge der Kämpfe 2009 verhaftet worden waren.

Durch den NATO-Krieg gegen Libyen kam die Miliz an große Mengen von Waffen und ­rekrutierte immer mehr Kämpfer. In den Folgejahren terrorisierte die Gruppe größere Gebiete in Nordnigeria, die Zahl der Todesopfer wird bis heute auf über 20.000 geschätzt. Griffen ihre Kämpfer zunächst vor allem Polizei- und Militäreinrichtungen an, nahm sie bald auch Christen, Schulen und schließlich gar Moscheen und Märkte ins Visier. 2015 erklärte sich die Miliz dem »Islamischen Staat« (IS) zugehörig. Die Selbstmordattentate auf muslimische Zivilisten führten 2016 allerdings zur Abspaltung eines Teils der Boko Haram unter Abu Musab Al-Barnawi, den der IS zum neuen Anführer der Miliz erklärte. Im Gegensatz zum Shekau-Flügel versucht die Al-Barnawi-Bande laut einem Bericht des südafrikanischen »Institute for Security Studies« derzeit, Rückhalt in der Bevölkerung zu finden und verzichtet deshalb weitestgehend auf Anschläge gegen Zivilisten. Sie ist jedoch für die jüngsten Attacken auf Armeeeinrichtungen verantwortlich. (ian)

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