Aus: Ausgabe vom 12.07.2018, Seite 15 / Medien

Mehr Bescheidenheit wagen

Zentralorgan der KP Chinas fordert Journalisten zu Nüchternheit auf. Im Westen rätselt man, warum

Von Sebastian Carlens
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Die Renmin Ribao, das Zentralorgan der KP Chinas, in einem Aushang in der Stadt Hangzhou

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist verblüfft. Irgendwie ist die Redaktion an ein Exemplar der chinesischen Zeitung Renmin Ribao (»Volkszeitung«), des Zentralorgans der kommunistischen Partei, gelangt. Und dort fordert ein Kommentator, dass man weniger auf die eigenen Erfolge pochen und allgemein nicht nationalistisch auftreten solle. »Arroganz macht ein Land nicht mächtig.« Und »bewusst extreme Gefühle zu provozieren und Vorurteile zu verbreiten, hält die Öffentlichkeit in einem Teufelskreis aus Arroganz und Großmannssucht gefangen«, so die Renmin Ribao am Montag vergangener Woche.

Wären die Zeiten andere, könnte man dies als selbstverständlichen Ratschlag an jeden Journalisten verstehen. Nun aber wundert sich die FAZ, weil das Gegenteil Leitbild des westlichen Medienbetriebs geworden ist. Arrogante Propaganda gegenüber anderen Ländern, heißen sie Russland oder China; »America first« oder »Festung Europa«; ein stets verächtlicher Blick auf die muslimische Welt: All das ist Normalität in den bürgerlichen Blättern des Westens.

Doch die Ratschläge der Renmin Ribao sind gar nicht an Deutschland oder die USA gerichtet, so bitter sie die auch nötig haben. Es geht um die Volksrepublik selbst, und das Parteiorgan fordert auch (übrigens in einer Serie aus insgesamt drei Artikeln zum Thema), aus dem Handelskrieg mit den USA keinen »Krieg der Beleidigungen« zu machen. Die FAZ hat dafür nur eine Erklärung: kommunistisches Mimikry. »Die neue Losung ist offenbar der Einsicht geschuldet, dass Beijing mit seinem zuletzt immer selbstbewussteren Auftreten in vielen Ländern zu einer China-kritischen Haltung beigetragen hat«, mutmaßt die Zeitung. Außerdem hätte die chinesische Führung »nationalistische Gefühle geschürt« und nun »bisweilen Mühe, die Geister, die sie rief, wieder einzufangen.«

Ein bescheidenes Auftreten gehört zum Codex der chinesischen Kultur; nicht all das zu zeigen, was man hat, gilt als Gebot der Klugheit. Zudem werden »Fake News« im Reich der Mitte schon jetzt unterdrückt. In China, einem Land mit 1,4 Milliarden Bürgern, kann sich ein Internetgerücht schnell zu einer Massenpanik auswachsen; es liegt daher im Interesse der regierenden Partei, Falschmeldungen zu unterbinden. Auch religiöse, separatistische oder politisch und kriminell motivierte Hetze wird hart verfolgt. Schon deshalb ist die Berichterstattung in chinesischen Medien kaum mit der Sensations- und Spektakelkultur des Westens vergleichbar.

Die Hinweise der Renmin Ribao richten sich daher auch gegen ein Phänomen, das Besuchern aus dem Westen nicht unmittelbar auffällt. Denn nationalistische Gefühle und Chauvinismus in der Han-Mehrheitsbevölkerung sind nie ganz verschwunden, auch wenn die Partei diese bürgerliche Ideologie stets als Gefahr für den Vielvölkerstaat betrachtet und bekämpft hat. Das staatliche Vorgehen dagegen, das durchaus als politische Erziehung der Bevölkerung betrachten werden kann, wie die FAZ in eine Parabel nach Goethes »Zauberlehrling« umzumünzen, geht nicht nur am Kern der Sache vorbei, sondern trifft grundsätzlich nicht zu.

Natürlich hat der rasante und erfolgreiche wirtschaftliche Aufstieg Chinas auch das Selbstbewusstsein der Chinesen erhöht, und dies ist nichts Schlechtes – immerhin hat sich das Land in wenigen Jahrzehnten aus Elend, imperialistischer Abhängigkeit und Unterentwicklung emporgearbeitet. Gleichzeitig gibt es in China immer noch erheblichen Entwicklungsbedarf. Längst nicht alle Gebiete des riesigen Landes sind industrialisiert, die Kluft zwischen Stadt- und Landbewohnern, arm und reich ist groß. Es besteht also kein Anlass, in der kollektiven Anstrengung nachzulassen – und die chinesischen Medien sollen dementsprechend auf die Menschen einwirken. In Deutschland muss man dies nicht verstehen, aber sollte es trotzdem zur Kenntnis nehmen: Der beispiellose Niedergang der Zeitungen, der anhaltende Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Medien ist kein globales, sondern ein westliches Phänomen. Man könnte ihn stoppen – aber nur mit Glaubwürdigkeit und Sachlichkeit.

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