Aus: Ausgabe vom 12.07.2018, Seite 15 / Medien

Im Dienst der Konzerne

Medien werden immer mehr zu PR-Maschinen von Unternehmen. Jüngstes Beispiel: VW und die Braunschweiger Zeitung

Von Kristian Stemmler
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Der Autokonzern wirbt im März 2016 während des Skandals um die manipulierten Dieselfahrzeuge in einer Anzeige um Vertrauen

Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’. Das alte Sprichwort ist längst zum Motto der deutschen Mainstreampresse geworden. Nur noch wenige Redakteure trauen sich, denen auf die Füße zu treten, von deren Geld sie leben: ihren großen Anzeigenkunden. So legen sich etwa Regionalzeitungen selten mit Discounterketten wie Aldi oder Lidl an, die regelmäßig ganze Seiten für ihre Sonderangebote buchen. Auch Makler und andere Dauerkunden werden pfleglich behandelt.

Ein besonders krasses Beispiel für dieses ethische Desaster hat Ende Juni die seit 2007 zur Funke-Gruppe gehörende Braunschweiger Zeitung (BZ) abgeliefert. In einer 16seitigen redaktionellen Beilage »Menschen bei Volkswagen« stellte das Blatt dem Autokonzern, der mit seiner Softwaremanipulation den sogenannten Dieselskandal auslöste, einen Persilschein aus. Die »Broschüre« wurde in einer Auflage von 1,4 Millionen Exemplaren gedruckt und auch anderen Funke-Titeln wie der Berliner Morgenpost und natürlich den Wolfsburger Nachrichten beigelegt. Der Clou: Bezahlt wurde das Ganze von VW.

Aufmerksam auf diesen Vorgang machte am 29. Juni das Onlinemagazin Übermedien der Journalisten Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz. Die Autorin Juliane Wiedemeier, die in den Jahren 2009 und 2010 Volontärin der BZ war, nimmt die Sonderbeilage unter der Überschrift »Lokaljournalisten als Cheerleader für VW« genüsslich auseinander. Spöttisch schreibt sie über ­Andreas Schweiger, Ressortleiter Wirtschaft des Blattes, er sei »ein echter Volkswagen-Fan«.

In dessen Editorial sei »alles enthalten, was eine Hochglanzbroschüre aus der PR-Abteilung eines Autokonzerns braucht, der seit dem Auffliegen der Dieselaffäre vor drei Jahren aus den Negativschlagzeilen nicht herauskommt«. Schweiger lobe VW »als Grundpfeiler der sozialen Marktwirtschaft«, träume von der »goldenen Zukunft, in der das Unternehmen sich aufmacht, die Welt der Digitalisierung ins Auto zu holen«.

Breit werden die Sparten und Aufgabenfelder des Konzerns erläutert. Der »Dieselskandal«, offizieller Anlass für das Erscheinen der Sonderbeilage, wird in den meisten Texten zwar angesprochen – doch nur als Vorwand, um Bekenntnisse wie »In der Verwandtschaft gibt es doch auch immer irgendein schwarzes Schaf« oder »Wir stehen zu VW, das stand nie zur Debatte« unterzubringen.

Auf diese Lobhudeleien war man in Braunschweig so stolz, dass man die Beilage vorab per Pressemitteilung bewarb. Ohne Anflug von Scham heißt es in der Mitteilung: »Die Beilage ist in Zusammenarbeit mit Volkswagen entstanden und wurde von VW finanziert.« Armin Maus, der Chefredakteur der BZ, wird mit den Worten zitiert: »Wir freuen uns, dass Volkswagen unsere Idee unterstützt und zugleich unsere redaktionelle Unabhängigkeit respektiert hat«. Aufgrund der lokalen Nähe haben man an die Folgen für die fast 100.000 Mitarbeiter in der Region gedacht. Der »Zorn der Belegschaft über die Ungerechtigkeit der Pauschalurteile« habe die Idee eines Unternehmensporträts »von der Basis« aus reifen lassen.

Die BZ spart sich kritische Blicke auf den größten Arbeitgeber der Region schon länger. Bereits im Oktober 2015, einen Monat nachdem die Manipulation von Abgaswerten durch VW öffentlich wurde, hatte die Zeitung in einer Sonderbeilage verkündet: »Wir stehen zu VW.« »Noch ist nicht klar, welche Folgen der Abgasskandal für Volkswagen hat«, hieß es da. Sicher sei man sich jedoch, dass nun die Zeit für Zusammenhalt, emotionale Ansprachen, besondere Aktionen und Solidarität gekommen sei.

Was die Zeitung hier abgeliefert hat, ist nur ein besonders groteskes Beispiel für die Bedienung kommerzieller Interessen trotz publizistischen Auftrages in deutschen Verlagen. Angesichts der täglichen Praxis der Konzernmedien ist die Ziffer sieben des Pressekodexes des Deutsches Presserates längst zur Lachnummer verkommen. Dort heißt es: »Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden.« Verleger und Redakteure hätten »derartige Versuche« abzuwehren und »bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen«, dies kenntlich zu machen.

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