Aus: Ausgabe vom 12.07.2018, Seite 10 / Feuilleton

Der teuerste Fleischklops

Von Thomas Wagner
RTSS2TN.jpg
Lecker Veggi-Burger: Bioreaktor in einem Labor der Firma Impossible Foods, Kalifornien (USA)

Viele Menschen lieben den Geschmack von Fleisch, finden es aber nicht gut, dass ihres Genusses wegen echte Tiere leiden und sterben müssen. Das ist der Grund, weshalb sich die Nahrungsmittelindustrie seit langem darum bemüht, Produkte auf pflanzlicher Basis zu entwickeln, die dem tierischen Vorbild ähneln. Was die Optik betrifft, hat sie dabei rasch Fortschritte gemacht. Aber der Geschmack? In der Regel brauchte es ein gewisses Quantum an alkoholischen Getränken und eine Menge Ketchup, um das Veggie-­Würstchen auf dem Grillfest wie ein Erzeugnis aus Schweine- oder Rindfleisch erscheinen zu lassen.

In den USA will man das ändern. Eine Reihe von Firmen arbeitet dort mit Hochdruck an der Entwicklung von Fleischersatzprodukten, die wie Fleisch schmecken und eine ähnliche Konsistenz haben sollen. Das Ganze wird unter dem Ausdruck »Vleisch« vermarktet. Mit einer 250.000-Euro-Spende hat Google-Gründer Sergey Brin im Jahr 2013 die Herstellung des bis dahin teuersten (Fa ke-)Fleischklopses der Geschichte finanziert. Wie viele Unternehmer aus dem Silicon Valley hat er die umfassende Verbesserung der Welt zu seinem Hobby erkoren. Der von Mark Post, einem Experten für regenerative Medizin, entwickelte Hamburger wurde in einem sogenannten Bioreaktor herangezüchtet. Die in einigen Restaurants in New York von der kalifornische Firma Impossible Foods verkauften Bratlinge sollen angeblich schmecken wie richtige Fleischhamburger. Das liegt an einem mit dem Blutfarbstoff Hämoglobin verwandten Stoff, der aus den Wurzelknollen von Sojapflanzen gewonnen wird: das Leghämoglobin. Im Bioreaktor wird die rote Substanz mit Hilfe von genveränderten Hefezellen produziert, weiß Der Spiegel (8/2018).

Die bei einem wachsenden Teil der Bevölkerung vorhandene Unlust, Tiere zwecks Ernährung zu töten bzw. töten zu lassen, ist der eine Grund für die Bemühungen, wohlschmeckende Ersatzprodukte zu entwickeln. Hinzu kommt das Interesse an einer besseren Ökobilanz. »Ein Laborsteak würde, verglichen mit herkömmlichem Fleisch, 35 bis 60 Prozent weniger Energie und 98 Prozent weniger Land verbrauchen, haben Forscher aus Oxford errechnet. 80 bis 95 Prozent weniger Klimagase würden entstehen«, schreibt das Magazin. Ganz vorne mit dabei, wenn es um die Entwicklung fleischloser Burger, Würstchen und Co. geht, sind zwei junge Unternehmen. Impossible Meat, eine 2011 gegründete Firma aus Redwood, konnte bis 2017 bereits 182 Millionen US-Dollar von Investoren einsammeln, die in Los Angeles ansässige Firma Beyond Meat immerhin schon 170 Millionen. Wenig überraschend ist, dass sich unter den Geldgebern die größte Tierschutzorganisation der Welt befindet, die Humane Society of the United States. Ungewöhnlich ist allerdings die Beteiligung von Tyson Food, einem der führenden Fleischproduzenten der USA. Dieses Unternehmen sicherte sich fünf Prozent der Anteile an Beyond Meet. Der Hamburger des Unternehmens besteht aus Erbsenproteinen und roter Bete, deren Saft ausläuft, wenn der Klops auf dem Grill brutzelt. Im Supermarkt Whole Foods, wo die Fleischimitate angeboten werden, stehen sie nicht in der Ökoecke, sondern »direkt neben den Erzeugnissen aus Schwein, Rind und Huhn«, so Die Welt am 22. Juni 2017.

Der richtige Begleiter für den Sommer im Marx-Jahr!

Unser Aktionsabo der gedruckten Ausgabe (62 Euro statt 115,20 Euro): Sechs Tage in der Woche, mit vielen Hintergründen und Analysen, mit thematischen Beilagen und am Wochenende acht Seiten extra. Das Abo endet nach drei Monaten automatisch. Als Zugabe gibt es das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton