Aus: Ausgabe vom 11.07.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Mammutaufgabe »Modicare«

Indiens Regierung will Millionen Familien erstmals in Krankenversicherung einbeziehen. Infrastruktur weiter mangelhaft

Von Thomas Berger
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Schlange stehen im Krankenhaus: Viele Inder kommen erst gar nicht so weit (Klinik in Kolkata)

Im August soll »Modicare«, die von Indiens Premierminister Narendra Modi anvisierte Gesundheitsreform, offiziell umgesetzt werden. Geht es nach den Plänen der konservativ-nationalistischen Regierung in Neu-Delhi, würde damit eine halbe Milliarde Inder erstmals in den Genuss einer Krankenversicherung kommen. Das ambitionierte Projekt ist das vielleicht wichtigste verbleibende Reformvorhaben vor den spätestens im Mai 2019 anstehenden Parlamentswahlen, bei denen Modi und seine hindunationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) eine zweite Amts- beziehungsweise Regierungszeit anstreben.

Es war Finanzminister Arun Jaitley, der Anfang Februar im Zuge der Vorstellung des Haushaltes die Pläne verkündet hatte. Zunächst schien insbesondere unklar, welche Mittel das Kabinett eigentlich zur Finanzierung des Mammutvorhabens zur Verfügung stellen will. Zumindest diese Frage ist über die zurückliegenden Monate beantwortet worden. Im aktuellen Haushaltsjahr, das in Indien immer bis Ende März läuft, sind im Bundesetat dafür 28 Milliarden Rupien (knapp 350 Millionen Euro) vorgesehen, während weitere 17 Milliarden Rupien (210 Millionen Euro) von den indischen Unionsstaaten an Zuschüssen kommen sollen. Diese Zahlen wurden im April von der Regierung genannt. Im kommenden Jahr würden diese Anteile dann den Angaben zufolge auf 73 und 45 Milliarden Rupien erhöht. Vorgesehen ist, 100 Millionen armen Familien (mit einer Nenngröße von fünf Personen pro Haushalt) mit der neuen Krankenversicherung einen Kostenschutz in Höhe von bis zu einer halben Million Rupien (knapp 6.200 Euro) für Gesundheitsausgaben zu gewährleisten. Klar ist schon jetzt, dass die geplanten Summen nicht ausreichen. Weitere Kosten sollen deshalb auf die Unionsstaaten abgewälzt werden.

Bisher müssen solche Ausgaben von den meisten Familien selbst finanziert werden, was nach Schätzung des regierungsnahen Thinktanks NITI Aayog jährlich etwa 70 Millionen Inder in die Armut treibt. Die Rechnungen für Arztbesuche, Behandlungen und Medikamente sind ein ganz wesentlicher Kostenpunkt, den sich Millionen am oder lediglich knapp über dem Existenzminimum lebende Einwohner des Subkontinents eigentlich gar nicht leisten können. Versagt haben hier bereits Vorläuferprogramme, die zu einer mehr oder weniger landesweit greifenden Krankenversicherung führen sollten. Die frühere Koalitionsregierung unter Führung der nunmehr oppositionellen Kongresspartei (INC) hatte 2008 erste Schritte dahingehend unternommen. Seinerzeit lag die Deckungssumme der Kosten bei 30.000 Rupien. In mehreren Schritten wurde dieser Betrag auf 50.000, schließlich 100.000 Rupien angehoben, hinzu kamen Programme auf der Ebene der Unionsstaaten. Trotzdem blieben die Erfolge jedoch gering.

Weite Wege

Modi und seine Minister wollen nun rechtzeitig, noch vor der offiziellen Einführung im August, Rahmenabkommen nicht nur mit großen Versicherungen, sondern auch den Krankenhausbetreibern abschließen, um ein erneutes Scheitern der Gesundheitsreform zu verhindern. »Es geht nicht nur darum, Geld bereitzustellen«, mahnte Sanghita Bhattacharyya von der Public Health Foundation, eine der namhaftesten Expertinnen in Sachen Gesundheitswesen, vorige Woche in der Tageszeitung Hindustan Times. Es müsse sich auch grundsätzlich etwas bei den Angeboten verändern. Noch immer seien viele Bürger in abgelegenen Ortschaften gezwungen, »Hunderte Kilometer zu fahren, um überhaupt die nächstgelegenen Gesundheitseinrichtungen zu erreichen«.

Ein Grundproblem dabei ist, dass Indien seine Staatsausgaben in diesem Sektor über Jahre und Jahrzehnte sträflich vernachlässigt hat. Obwohl das Land zu den 20 größten Volkswirtschaften des Planeten gehört, wurde laut einer WHO-Statistik aus dem Jahr 2015 nur ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes in die Gesundheitsversorgung investiert. Selbst Nepal, das zu den am wenigsten entwickelten Ländern gehört, liegt in dieser Übersicht mit 1,1 Prozent knapp darüber. Inzwischen, so der Wirtschaftsdienst Bloomberg, sei der entsprechende Wert in Indien zwar auf rund 1,4 Prozent gestiegen, damit liege er aber immer noch weit unter dem globalen Durchschnitt von 5,9 Prozent.

Geringe Investitionen

Es ist aber nicht so, dass es im indischen Gesundheitssektor gar keine Fortschritte gäbe. So sank die Sterberate bei den wichtigsten ansteckenden Krankheiten laut einer Statistik der Financial Times unter Berufung auf Daten des Gesundheitsministeriums von 60,9 Prozent Anfang der Neunziger auf nur noch 32,7 Prozent im Jahr 2016. Doch noch immer mangelt es vordergründig an der notwendigen Infrastruktur. Schon heute behandeln staatliche Krankenhäuser ihre Patienten, die lediglich für die Medikamente aufkommen müssen, in erster Linie kostenlos. Doch in kleineren Kliniken auf dem Land fehlt es nicht nur an ausreichend Ärzten, sondern auch an Ausrüstung. Selbst die Universitätsklinik von Gorakhpur nahe der nepalesischen Grenze sorgte hier für einen Skandal: Etliche Kinder starben, weil nicht genügend Sauerstoff für die Beatmungsgeräte zur Verfügung stand.

Modi will für seine »Megareform« nun auch die privaten Klinikbetreiber, wie etwa die große Kette Apollo-Hospitals, einbinden. Das mag in den urbanen Zentren zwar die dort überfüllten staatlichen Krankenhäuser etwas entlasten. Die weiten Wege für Kranke, die auf dem flachen Land leben, blieben aber erst einmal bestehen. Generell kämen in Indien gerade einmal 0,8 Krankenhausbetten auf 1.000 Einwohner, zitierte die Hindustan Times eine OECD-Statistik. Dieser Wert liegt weit unter dem asiatischen Durchschnitt von 3,3 Betten pro 1.000 Einwohner.

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