Aus: Ausgabe vom 11.07.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Entwicklungshilfe aus China

Volksrepublik baut bei Erfurt eine Autobatteriefabrik. Technologie in EU noch nicht ausgereift

Von Simon Zeise
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Thüringer Jobwunder: Bei Erfurt entstehen Arbeitsplätze »Made in China«

Der chinesische Batteriehersteller Contemporary Amperex Technology Ltd. (CATL) errichtet in Thüringen sein erstes Werk außerhalb Chinas. »Für Thüringen ist es die bedeutendste Industrieinvestition der letzten zehn Jahre«, erklärte Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) am Montag. Die Projektvereinbarung zwischen CATL und dem Freistaat Thüringen wurde im Rahmen der deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen im Bundeskanzleramt am Montag in Berlin unterschrieben. Damit gibt CATL zum ersten Mal den Weg für die Herstellung ihrer Fahrzeugbatterien außerhalb Chinas frei.

Das hochautomatisierte neue Batteriewerk wird auf eine Kapazität von 14 Gigawattstunden ausgelegt. Bis 2022 investiert CATL 240 Millionen Euro und schafft 600 neue Arbeitsplätze. Das Werk ist auf einem 70 Hektar großen Areal im Industriegebiet Erfurter Kreuz geplant. Es ist der erste Produktionsstandort in Europa für Batteriezellen überhaupt. Die Landesregierung verspricht sich davon einen Zuzug weiterer Firmen der Batterieherstellung sowie der Zulieferindustrie. Das Werk in Thüringen ist als eigenständige Firma mit Produktion, Forschung und Entwicklung sowie Logistik geplant. »Wir sind der Ansicht, dass die Batterietechnologie bei der künftigen Elektromobilität eine Schlüsselstellung einnimmt«, teilte der technische Leiter von CATL, Robert Galyen, mit.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) musste am Montag in Berlin »einfach zur Kenntnis nehmen, dass es im Augenblick keine Investitionen gibt, die wir industriegetrieben für Batteriezellen in Europa machen können, die von europäischen Firmen initiiert sind«. Deshalb sei es »ein qualitativ neuer Schritt, wenn eine chinesische Firma mit einer Technologie kommt, die wir in Europa zurzeit nicht besitzen«. Sie schließe zwar »nicht aus, dass wir irgendwann einen Wettbewerb auch zu den chinesischen Anbietern entwickeln«, sagte die Kanzlerin. Doch: »Wenn wir es selber könnten, wäre ich auch nicht traurig, aber nun ist es einmal so.« Immerhin werde die chinesische Investition in Europa getätigt. »Dann ist es gut, wenn sie in Deutschland stattfindet; das ist jedenfalls meine Einstellung«, sagte Merkel fast schon ein wenig kleinlaut.

Die Entwicklung von Hightechprodukten in China kommt nicht von ungefähr; Beijing betreibt staatlich geplante Industriepolitik. Im Februar teilte die Regierung mit, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung hätten sich im vergangenen Jahr auf 226 Milliarden Euro belaufen. Das habe einem Zuwachs von 14 Prozent gegenüber 2016 entsprochen. China wolle bis 2050 bei technologischen Innovationen ein führendes Land werden. Seit 2012 hätten sich die entsprechenden Investitionen um mehr als 70 Prozent erhöht. China will unter anderem in der Atomenergie, bei der Nutzung erneuerbarer Energiequellen, bei Hochgeschwindigkeitszügen sowie Elektrofahrzeugen aufholen.

Bislang sei die Volksrepublik noch ein »Entwicklungsland«, sagte Ministerpräsident Li Keqiang am Montag in Berlin – eines, das Hightechprodukte herstellt, zu deren Produktion deutsche Konzerne nicht in der Lage sind.

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Debatte

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  • Beitrag von günther d. aus b. (11. Juli 2018 um 17:34 Uhr)

    Ja, so hat sich in doch relativ kurzer Zeit der Wind auf technologischem Gebiet gedreht. Die Großmäuligkeit führender westeuropäischer Konzernherren und ihrer Dienstvasallen in den imperialistischen Stäben, ihren Regierungen, hat einen gehörigen Schock hinnehmen müssen. Dass sich Frau Merkel zu diesem ganzen Vorgang – wie es im Beitrag heißt – schon ein wenig kleinlaut äußerte, ist ein Zeichen dafür, dass sie als ausgebildete Physikerin den Wirkeffekt dieses Vorgangs begreift. Eher als einige ihrer Mitstreiter.

    Es kann wohl erwartet werden, dass dieses chinesische Ei nicht das einzige und letzte bleibt, das am westlichen Ende der »Neuen Seidenstraße« gelegt und ausgebrütet werden wird.

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