Aus: Ausgabe vom 10.07.2018, Seite 11 / Feuilleton

Anarchist im Kurhotel

»Ich werde diese Bande schon zwingen, mich zu lesen!« Jan Bachmann hat Erich Mühsams Tagebücher als Comic gezeichnet

Von Sabine Lueken
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Immerhin auf den Hund gekommen: In Château d’Oex hatte Erich Mühsam Zeit zum Schreiben

Heute jährt sich der Todestag Erich Mühsams zum 84. Mal. In der Nacht zum 10. Juli 1934 wurde der Mitorganisator der Münchner Räterepublik und unerschrockene, frühe Mahner gegen den deutschen Faschismus nach einem 14monatigen Martyrium von Misshandlungen und Folter in verschiedenen Gefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern von SS-Schlägern im KZ Oranienburg ermordet. (jW)

»Noch vor einem Monat war ich in Berlin zur Unterzeichnung eines ärgerlichen Familienkontraktes. Dabei auch für einige Tage mit meinem Vater zusammen. Für beide Seiten gleich qualvoll.« So startet der Mühsam-Comic, das Debüt des Zeichners Jan Bachmann, gleich mit dem Pro­blem, das den 32 Jahre alten Erich Mühsam, Bohemien, Schriftsteller und Anarchist, zu diesem Zeitpunkt heftig beschäftigte: »Der Dalles«, der ewige Geldmangel, und der autoritäre Vater. In Château d’Oex, dem Schweizer Kurort, in den ihn seine Brüder im Sommer 1910 schickten, denkt er über vieles nach, langweilt sich unerträglich und kauft im Dorf ein Heft: »Es soll mein Tagebuch sein.«

Bachmann hat es gelesen und aus den 96 Seiten eine eher harmlose Bildergeschichte gestaltet, mit Originalzitaten als Erzähltext, mit erfundenen Situationen und Dialogen. Die Tagebücher Karl August Varnhagen von Enses, des Chronisten der 1848er Revolution, studierend, grämt sich Mühsam über seine eigene Zeit, über den »gleichgültigsten Stumpfsinn in allen Schichten des Volkes«, während im Vormärz »in aller Kläglichkeit (…) doch eine große revolutionäre Sehnsucht« bestand. »Damals lohnte es sich noch Tagebücher zu schreiben.«

Mühsam schreibt trotzdem. Die Tagebücher, die er von 1910 bis zu seiner Entlassung aus der Festungshaft 1924 führte – wegen seiner führenden Rolle in der Münchner Räterepublik wurde er fünf Jahre eingesperrt –, sind in einer historisch-kritischen Ausgabe im Berliner Verbrecher Verlag erschienen und zugleich als Online-Edition verfügbar, herausgegeben von Chris Hirte und Conrad Piens. Band 13 (1923) wurde gerade veröffentlicht, die letzten beiden Bände folgen nächstes Jahr.

Der ersten Band zeigt Mühsam als Erotomanen, so auch der Comic. Seine Freundinnen sind mit anderen Männern auf Reisen, von anderen schwanger oder brauchen dauernd Geld. »Eine etwa 32jährige elegante französische Schweizerin, die ein hübsches, geiles Lachen hat«, interessiert ihn, aber daraus wird nichts. »Denn am Ende habe ich doch alles; Talent, Fleiß, Intelligenz und bin ein leidlich netter Mensch. Und ebenso mit den Frauen!« Und im Originaltagebuch fährt er fort »Jede hat mich gern, aber keine liebt mich!«

Auf Seite 39 wird endlich gefickt, mit Johannes Nohl, dem Freund, dem er außerdem von Herzen gönnt, dass er Befriedigung in der Liebe zu einer Frau findet. Danach bewerfen sich die beiden bei Bachmann läppisch mit Kuhfladen. Hm! Auf Seite 43 wird der erste Kuss getauscht, am Ende zurück in München bringt ihm das Hausmädchen Kekse aufs Zimmer und legt sich gleich zu ihm.

Zweite Konstante dieser Zeit sind die quälenden Geldsorgen (»Wenn nur mein Vater bald genug stirbt«). Mühsam pendelt zwischen dem Wunsch nach – auch finanzieller – Anerkennung seiner Werke und Ablehnung der spießigen bürgerlichen Gesellschaft. Als Anti­militarist verfolgt er per Zeitungslektüre den Internationalen Sozialistenkongress in Kopenhagen, der sich mit der drohenden Kriegsgefahr beschäftigt und auf dem die deutschen Sozialdemokraten den Antrag der Briten und Franzosen ablehnen, auf jede Kriegserklärung mit Generalstreik zu reagieren. Mühsam ist empört über den SPD-Reichstagsabgeordneten Paul Singer, der für die Luftschiffausgaben im Militäretat stimmt, für »eine Waffe, die zur grauenvollsten Mordkatastrophe von oben dient«. Schwarz-rot-gold verbrennt auf Bachmanns Zeichnung »Zeppelins Luftschiff Nr. 6«. Bevor Mühsam zurück nach München reist, besucht er noch mit der Freundin Margarethe Faas das Berner Kunstmuseum (»Eine Anzahl Hodlers machte großen Eindruck auf mich (…) Se xy!«) und bedauert, dass er als Redner bei einer Veranstaltung in Luzern so lange die Gesellschaft kritisierte, dass nicht mehr genügend Zeit für Kritik an der SPD blieb.

Bachmann versteht seine Adaption auch als Parodie auf das Genre des Biopics. Aber »im Gegensatz zur tradierten Form dieses Genres unterliegen meine Dialoge (…) der Prämisse des Humors«. Das gilt auch für die Zeichnungen: Mühsam mit riesiger Nase, schwarzem Bart und runder Brille, ganz in Schwarz gekleidet – die gelbe Hose trägt er nur auf dem Titelblatt – ist gut durchgestaltet. Bachmann, der zuvor Filmregie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin studiert hat und dessen Vorbilder die französischen Zeichner des »Atelier des Vosges« (u. a. Joann Sfar und Christophe Blain) sind, nutzt alle möglichen Einstellungen und Perspektiven. Wir sehen im Detail den mit krakeligem, wilden Strich gemalten riesigen Rüssel einer Mücke in Mühsams Gesicht, wir sehen ihn halbnah mit Freund Nohl am Tisch, während ein Ziegenbock die Zunge in den Suppenteller steckt, wir sehen ihn in der Totalen mit den Händen in den Hosentaschen durch eine Schweizer Gasse schlendern und hoffnungsvoll auf eine Geldsendung warten. Wolken am Himmel sehen aus wie kleine Knochen, es gibt skurrile Tiere, die überall auftauchen, Möwen, die Mühsams Hut klauen, als er über den Bodensee nach München zurückkehrt, und einen kleinen Hund, der ihn verfolgt. Der läuft auch im letzten Bild um die Ecke, als nur ein einsam erleuchtetes Dachfenster im großen Häuserkarree von Mühsams Anwesenheit zeugt: »Ich werde diese Bande schon zwingen, mich zu lesen!«

Das können Freunde der Bildergeschichten jetzt in diesem Comic. Für sie und alle anderen lohnt sich auch die Lektüre der Tagebücher, sowieso und immer wieder.

Jan Bachmann: Mühsam. Anarchist in Anführungsstrichen. Edition Moderne, Zürich 2018, 96 Seiten, 19 Euro

Der Zeichner arbeitet an einem zweiten Band über Mühsams Aufenthalt auf dem Schweizer Monte Veritá in Ascona, dem Treffpunkt der Alternativbewegung um 1900.

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