Aus: Ausgabe vom 10.07.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Der Kampf geht weiter

Seit fast einem Monat Streik bei Neue Halberg-Guss: In Leipzig diskutieren Arbeiter über Enteignung und üben Solidarität

Von Susan Bonath
Unbefristeter_Streik_57661605.jpg
»Da machen sich ein paar Investoren auf unsere Kosten die Taschen voll«: Halberg-Guss-Beschäftigte in Leipzig

Für Armin ist klar: »Wenn die glauben, sie können uns spalten, haben sie sich geschnitten.« Er ist 55, seit 13 Jahren Gießer in der Neuen Halberg-Guss, trägt Arbeitshose und ein blaues T-Shirt, wie viele Streikende vor dem Werkstor in Leipzig. Armin besteht auf dem Du: »Wir sind ja alle Arbeiter«, meint er dazu nur, während er Nudelgerichte aus einer Isolierbox an Kollegen ausgibt. Maik nimmt drei, auch seine Familie ist zum Streikfest gekommen. »Klar«, mischt er sich ins Gespräch ein, »die Solidarität ist unglaublich.«

Es ist Freitag, der 6. Juli. Tag 23 des Arbeitskampfes. Gegen Mittag schiebt sich die Sonne durch die Wolken. Am Werkszaun hängen Plakate der IG Metall und Grußbotschaften, zum Beispiel vom »Zweieck«, einem alternativen Laden in Leipzig. Auf einer Bank hinter dem Eingang sitzt Ehis mit seinen Angehörigen. Ein Kollege klopft dem Nigerianer auf die Schulter. Sie unterhalten sich laut und lachen. Etwa 200 Arbeiter mit ihren Angehörigen und Kindern sitzen an Holztischen, sie essen und diskutieren. Es gibt Getränke, Burger und Obst. »Das ist die Frühschicht«, erläutert Maik und schimpft: »Da machen sich ein paar reiche Investoren auf unsere Kosten die Taschen voll und glauben, wir lassen uns das gefallen.«

Gefallen lassen will sich hier niemand mehr etwas. Die Wut richtet sich gegen die Zulieferergruppe Prevent der bosnischen Familie Hastor. Man nennt sie hier »die Ausbeuter«. Nur weg mit denen, findet Peter (Name von jW geändert). Er ist mit Frau, Tochter und Enkel gekommen. »Mit 60 findest du nichts mehr, und wenn du kurz vor der Rente zum Sozialamt musst, nehmen die dir alles weg«, gibt er zu bedenken.

Großinvestoren kürzten Lohn

Maik findet, dass der saarländische Linke-Politiker Oskar Lafontaine am Tag zuvor »schon recht hatte, als er die Enteignung von Halberg verlangt hat«. In den 1990ern erlebte Maik mit, wie die Treuhand die Leipziger Gießerei an Halberg-Guss aus Saarbrücken, die bereits der Unternehmensgruppe Valois gehörte, verkaufte. »Wir waren es, die den Betrieb nach oben gebracht haben«, blickt er zurück. »Aber vor einigen Jahren kamen die Großinvestoren und mit ihnen Lohnkürzungen.« Anfang 2018 übernahm die Prevent-Gruppe das Unternehmen und erhöhte die Preise. Hauptabnehmer Volkswagen spielt nicht mit. »Das war Absicht, und jetzt ziehen sie alles raus, bevor sie uns Ende 2019 rauswerfen.«

Dann redet Maik über die Arbeit. Die sei »schon sehr hart«. Er deutet auf seine Hände, denen man die Schufterei im Vierschichtsystem ansieht. »Das geht rund um die Uhr: Sechs Tage arbeiten, einen Tag frei, wieder sechs Tage arbeiten, dann zwei Tage frei.« Nur etwa ein Dutzend Frauen sind unter den 630 festangestellten Kollegen in Leipzig, schätzt Maik. Inzwischen sei fast die gesamte Belegschaft in der Gewerkschaft. »In Ost und West steht bei Halberg wirklich alles still«, freut er sich.

»Die Solidarität ist Wahnsinn«, fällt Armin ihm ins Wort. Die Beschäftigten vom Aluminiumwerk nebenan waren da. Delegationen von Siemens, Opel und Porsche kamen. »Überall geht es ja den Leuten an den Kragen mit Stellenabbau und Leiharbeit«, weiß er. Nebenan am Zelt bringt eine Leipzigerin einen Kuchen vorbei. »Den hab' ich gebacken, um euch was Gutes zu tun«, sagt sie. »Großartig«, ruft die Gewerkschafterin hinter dem Tisch. Ein Mann reicht ihr die neue Streikzeitung. »Willst du was trinken?« fragt er.

»Das geht jetzt jeden Tag so«, erklärt Armin. Besonders gefreut hat er sich über den Besuch von Kollegen aus dem Volkswagenwerk in Wolfsburg. »Die Eigentümer sollen ihren Krieg alleine führen, damit haben wir doch nichts zu tun.« Man müsse eben gegen die Ausbeuter zusammenhalten. Armin zeigt auf einen großen Haufen Feuerholz: »Zwölf Tonnen waren das, eine Spende für die Streikposten der Nachtschicht.«

Eine Geschichte zum Feuerholz weiß der Musiker zu erzählen, der gerade den neuen Streiksong zum besten gegeben hat. Alle nennen ihn »Itze«. In seinem Lied besingt er »wahnsinnige Halberger, die stehen fest zusammen, die geben zu versteh’n, verpisst euch, und lasst euch hier nie wieder seh’n«. Itze, schwarzes Shirt, Basecap und Sonnenbrille, schmunzelt: »Wir saßen eine Nacht hier am Lagerfeuer und haben gedichtet, dabei kam dann das heraus«. Seit 15 Jahren arbeitet er in der Gießerei, er spielt in zwei Bands. »Er ist der Mutigste hier«, meint Frank, der sich dazugesellt. »Auf Itze lässt hier keiner was kommen.«

Frank schimpft über einige Medienberichte. Zum Beispiel die Geschichte mit den Gabelstaplern, die würde nicht stimmen: Geschäftsführer Alexander Gerstung hatte den Streikenden öffentlich Sabotage vorgeworfen. Sie hätten am Strom manipuliert, Fahrzeuge lahmgelegt und damit einen Schaden in sechsstelliger Höhe verursacht. In einem Schreiben an die Streikenden setzte Gerstung sogar eine Belohnung von 2.500 Euro für Denunzianten aus. »Saboteure« werde er juristisch verfolgen, kündigte er an und drohte bei fortgesetztem Streik mit vorzeitiger Schließung des Werks.

Aufstehen gegen das Kapital

»Ob sie jetzt oder in anderthalb Jahren schließen, ist am Ende auch egal«, winkt Frank ab. Und die Sabotagevorwürfe sind »völliger Blödsinn« in seinen Augen. »Wir können doch nichts dafür, wenn die nicht mal die richtigen Knöpfe drücken oder einen Gabelstapler bedienen können.« Überhaupt: Gerstung gehe es nur darum, die Belegschaft zu kriminalisieren. Auf den Brief haben die Arbeiter auf ihre Weise reagiert: Sie verbesserten Rechtschreibfehler und pinnten ihn draußen an. »Peinlich für die Ausbeuter«, lacht Frank.

Um eins beginnt die Streikversammlung. Bernd Kruppa begrüßt Kollegen von Siemens, Porsche und Schnellecke. »Es geht um alles«, ruft der IG-Metall-Sekretär den Umstehenden zu und kündigt eine Demonstration und einen Autokorso an. Auch wenn man die Chefs zu neuen Verhandlungen an diesem Donnerstag bewegt habe, »ist das Ende des Streiks wohl nicht in Sicht«, so Kruppa. Das Angebot der Firma sei »nach wie vor ein Witz. Mit einem halben Monatslohn pro Arbeitsjahr wollen sie euch abspeisen«, ruft er. Die Gewerkschaft verlangt ein dreieinhalbfaches Gehalt für jedes Jahr, finanziert aus einem Fonds, in den neben Prevent auch die Kunden einzahlen. Immerhin schließe das Werk ohne materiellen Zwang. »Und Geld ist massenhaft da«, konstatiert Kruppa. Er findet, es stehe denen zu, die es erwirtschaftet haben.

Die Reden klingen klassenkämpferisch. »Das hier ist unser Kampf gegen das Kapital«, sagt eine Metallerin unter lautem Beifall ins Mikrofon. Jörg, der bei Siemens arbeitet, erklärt die Halberger zum Vorbild. »Auch wir werden uns auf einen langen Kampf einstellen müssen.« Wolfgang Lemb vom IG-Metall-Vorstand kündigt eine Delegation von Stahlarbeitern aus Eisenhüttenstadt an und teilt mit: »Überall spricht man über euren Streik.« Der sei »etwas Besonderes, weil er sich gegen die hässlichste Fratze des Kapitalismus richtet«. Lemb meint damit »das immer öfter praktizierte Geschäftsmodell der Hastor-Familie: Firmen kaufen, Geld herausziehen und schließen – und das alles auf eure Kosten«.

Gewerkschaftssekretär Kruppa zeigt sich zufrieden. »Wir sind so gut organisiert, dass es schwer werden dürfte, uns zu spalten.« Besonders freut ihn, dass Ost und West zusammenhalten und alle mitziehen. Saarbrücker Kollegen waren bereits in Leipzig und die Sachsen im Saarland. »An einem Tag«, sagt er mit einem Augenzwinkern, »kamen sogar italienische Kollegen her, weil sie nicht glauben konnten, dass hier welche in Deutschland mehr als drei Wochen am Stück streiken.«

Zu kämpfen haben die Halberger wirklich. Seit Beginn setzt der Geschäftsführer auf »juristische Scharmützel«, wie Kruppa es nennt. Erst wollte er den Streik vor dem Arbeitsgericht juristisch unterbinden, später ging er gegen eine »Blockade« des Werktors genauso vor. »Dabei war das eine angemeldete Demonstration«, erklärt Kruppa. Und nun hagelt es Drohungen, und nebenbei gibt es Prämien für Denunzianten. »Aber damit werden sie scheitern.« Der Gewerkschafter setzt auch auf die »Fernwirkung«, wie er es nennt. »Wenn die Kunden Produktionseinbrüche bekommen, erzeugt das Druck, der viel bewegen kann«, sagt er. Bei Halberg gehe es um die Machtfrage. Kruppa: »Ich gehe von einer langen Auseinandersetzung aus.«

Durchgereicht und abgezockt

Seit dem 14. Juni steht bei der Neuen Halberg-Guss (NHG) alles still. Zwei Standorte in Saarbrücken und Leipzig werden unbefristet bestreikt. Mehr als 2.000 Beschäftigte kämpfen um ihre Existenz. Die Firmenleitung hatte angekündigt, den Standort Leipzig Ende 2019 zu schließen. Auch Saarbrücken könnte dichtgemacht werden, aber noch ist dort die Rede vom Abbau von mindestens 300 der 1.300 Stellen.

Hintergrund ist ein bereits zwei Jahre währender Preiskampf zwischen der international agierenden Unternehmensgruppe Prevent und ihrem Abnehmer Volkswagen. Schon im August 2016 standen deshalb bei VW die Bänder still, denn Prevent hatte die Belieferung gestoppt, um höhere Preise durchzusetzen. Im Januar 2018 übernahm Prevent die NHG und zog die Preise an. VW ist der größte Abnehmer der NHG.

Die IG Metall wirft Prevent vor, die NHG nur übernommen zu haben, um möglichst viel Geld herauszupressen und dann zu schließen. »Wenn wir schon sterben, dann so teuer wie möglich«, heißt es dort. Die Gewerkschaft fordert Abfindungen für entlassene Mitarbeiter in Höhe von dreieinhalb Monatsgehältern pro Beschäftigungsjahr. Finanziert werden soll dies auch durch zugesagte Zahlungen der Beschäftigten. VW soll inzwischen selbst eingelenkt und Zugeständnisse vorgeschlagen haben, um die NHG zu retten. Prevent habe dies abgelehnt und gibt die Schuld den Streikenden. Die Vorschläge lägen auf Eis, solange VW nicht beliefert werde. Die VW-Geschäftsführung bestreitet das.

Von Entlassung bedroht sind viele ältere, langjährige Mitarbeiter. Beide Metallgießereien in Leipzig und im Saarland haben eine lange Geschichte. Die DDR verstaatlichte das seit 1934 bestehende Unternehmen zum Volkseigenen Betrieb (VEB) Metallgusswerk Leipzig. Die Gießerei in Saarbrücken ging aus der seit Ende des 18. Jahrhunderts bestehenden Halberger Hütte hervor. Ab 1972 gehörte das Werk zum französischen Konzern Saint-Gobain. Der gliederte es 1988 in die Hal­berg-Guss aus und veräußerte die GmbH 1992 an die Unternehmensgruppe Valois. Kurz darauf verleibte diese sich das Leipziger Werk über die Treuhand ein. 2009 meldete die Halberg-Guss Insolvenz an und wurde 2011 von der niederländischen Gruppe HTP Investments aufgekauft. Die führte sie als NHG weiter, veräußerte sie aber 2017 an die baden-württembergische Süddeutsche Beteiligungsgesellschaft (SüdBG), welche sie kurz darauf an Prevent verkaufte. (sbo)

Der richtige Begleiter für den Sommer im Marx-Jahr!

Unser Aktionsabo der gedruckten Ausgabe (62 Euro statt 115,20 Euro): Sechs Tage in der Woche, mit vielen Hintergründen und Analysen, mit thematischen Beilagen und am Wochenende acht Seiten extra. Das Abo endet nach drei Monaten automatisch. Als Zugabe gibt es das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben.


Debatte

Artikel empfehlen:

  • Beitrag von Alexander K. aus L. ( 9. Juli 2018 um 20:03 Uhr)

    Auch ich habe mit den Kollegen gesprochen. Die haben wirklich die Schnauze voll vom Kapitalismus. Schreibtisch-Strategen, die glauben, Kollegen wie ihnen nur reformistisches Geschwafel "zumuten" zu können, haben sich gewaltig geschnitten. Viele Kollegen an der Basis sind schon weiter, als Linke aus dem Elfenbeinturm sich das träumen lassen.

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio: