Aus: Ausgabe vom 09.07.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Anhänger des Mystizismus

Autorenkollektiv gibt Handreichung zu bei Rechten nach wie vor beliebter Marke »Thor Steinar« heraus

Von Felix Clay
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Antifaschistische Proteste gegen einen Thor-Steinar-Laden im März 2017 in Hamburg

Eine Auseinandersetzung von Antifaschistinnen und Antifaschisten mit der in der rechten Szene beliebten Klamottenmarke »Thor Steinar« gibt es seit mittlerweile 15 Jahren. Eines der Resultate dieser Auseinandersetzung war die Broschüre »Investigate Thor Steinar«, die vor rund zehn Jahren ein Berliner Autorenkollektiv herausgab. Darin wurden die Symbole der umstrittenen Bekleidungsfirma untersucht und im Detail politische und historische Hintergründe einzelner Kleidungscodes vorgestellt. Sehr häufig, so zeigte sich, bediente man sich hier zum Beispiel bei Parolen und »aufgeladenen« Ortsnamen aus der deutschen Kaiser- und Kolonialzeit. Viele dieser Kontexte waren auch politisch Interessierten gänzlich unbekannt und über die Jahrzehnte in Vergessenheit geraten. Nach dieser Recherchebroschüre war nicht mehr abzustreiten: Thor Steinar ist keine »unpolitische Marke«.

In diesen Tagen ist nun eine komplett neu erarbeitete Broschüre herausgekommen, die vom Aufbau her allerdings an die frühere anknüpft. Der lokale Rahmen von »Reinvestigate Thor Steinar« ist aber diesmal die Stadt Hamburg. Hier gibt es seit Jahren immer wieder Versuche, einen Thor-Steinar-Laden zu etablieren, wogegen sich stets antifaschistische Kampagnen richteten. Da diese Läden aber kein spezielles Hamburger Problem sind, hat »Reinvestigate Thor Steinar« auch bundesweit Relevanz.

In vielerlei Hinsicht gibt man sich bei Thor Steinar »traditionsbewusst«. Das Autorenkollektiv will dennoch ausgemacht haben, dass beispielsweise im aktuellen Katalog nicht mehr so viele Motive mit »Bezügen zur nationalsozialistischen Ideologie und zum Militarismus« zu finden sind. Die Marke hat über die Jahre die Angebotspalette erweitert und versorgt nun auch Menschen, die nicht zum harten Kern neonazistischer Milieus gehören. Das zahlt sich für die drei mit der Marke Thor Steinar verbandelten Unternehmen aus, wie die öffentlich zugänglichen Betriebszahlen ausweisen.

»Reinvestigate Thor Steinar« liefert einmal mehr Informationen zum Bedeutungsgehalt bestimmter Motive, beispielsweise bestimmter Runen und Symbole, die auf den Kleidungsstücken der Marke Verwendung finden. Vieles kann allgemein dem Komplex »nordische Mythologie« zugeschrieben werden, wobei hier einzelne Symbole einem beständigen Bedeutungswandel unterliegen. Zum Beispiel der als Anhänger vermarktete »Thorshammer«: Der galt mal als Frauenschmuck, heute trägt man ihn »als Ausweis spezifisch männlicher Tatkraft«. Er habe historisch auch im Christentum eine Bedeutung gehabt, was aber von denen ausgeblendet werde, die das Symbol im »Germanen«-Kontext mystifizieren. Ergänzt wird die Broschüre mit zwei Beiträgen zu neueren Marken der neonazistischen Szene. Hier hat sich einiges getan: Die Aussichten auf ordentlichen Profit mit Szenemarken sind sehr verlockend.

Bikular e. V. (Hrsg.): Reinvestigate Thor Steinar. Die kritische Auseinandersetzung mit einer umstrittenen Marke. Berlin 2018, 32 Seiten, kostenlos, Bezug: investigatethorsteinar.blogsport.de

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