Aus: Ausgabe vom 09.07.2018, Seite 5 / Inland

Alte Clans, neues Kapital

Streikbrecher, Lohndumping, gelbe Gewerkschaften: Supermarktkette »Real« quetscht Beschäftigte aus

Von Werner Rügemer
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Olaf Koch (4. v. l.) schwingt die Glocke beim Börsengang des Metro-Konzerns (Frankfurt am Main, 13. Juli 2017)

Am 8. Juni diesen Jahres hat die Metro AG die 34.000 Beschäftigten der 280 Real-­Supermärkte in die neu gegründete »Real GmbH« überführt. Dort sollen neu eingestellte Vollzeitbeschäftigte 1.630 Euro verdienen – 40 Prozent weniger als zuvor. Das Urlaubsgeld soll von 1.262 auf 680 Euro gekürzt werden, das Weihnachtsgeld von 1.611 auf 450 Euro. Dafür wird die Arbeitszeit von 37,5 auf 40 Wochenstunden erhöht. Und die Zeitarbeitsfirmen »Mumme« und »IBS« sollen noch mehr Leiharbeiter bereitstellen; die sogenannten Personaldienstleister »Kötter« und »Teamwork« noch mehr Werkvertragler liefern.

Der Täuschungsvertrag

Seit 2015 will Metro die die Real-Kette »wettbewerbsfähig« machen. Metro stieg aus dem Flächentarif aus. Die Gewerkschaft Verdi erkämpfte mit Streiks einen »Zukunftstarifvertrag«: Die Beschäftigten verzichteten auf Lohnerhöhungen bis 2019 und auf ohnehin schon abgesenktes Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Danach sollte wieder ein richtiger Tarifvertrag ausgehandelt werden.

Vorstandschef Olaf Koch hat bei der Private-Equity-Heuschrecke Permira sein Handwerk gelernt, ebenso Finanzchef Christian Baier. Den Ausstand der Beschäftigten hatten sie durch Streikbrecher aushebeln wollen, die sie sich von den Personalvermittlern »4u@ work« und »Novum« liefern ließen. Sie schlossen im Dezember 2017 mit der gelben Scheingewerkschaft DHV einen Tarifvertrag zu noch schlechteren Bedingungen und kündigten zum 31. Mai vorfristig den Vertrag mit Verdi. Nach dem neuen »Arbeitnehmerüberlassungsgesetz« von 2017 müssen Leiharbeiter nach neun Monaten dasselbe Gehalt bekommen wie die regulär Beschäftigten – aber »Mumme« und »IBS« durften nur noch Arbeitsverträge mit höchstens neun Monaten Laufzeit vergeben. Die Verzichte der Beschäftigten im Täuschungsvertrag mit Verdi hatten schon etwa 110 Millionen Euro eingebracht.

Profiteure in der Schweiz

Koch kaufte schon mal erwartungsvoll am 17. Mai 90.000 Metro-Aktien für 1,039 Millionen Euro – er hofft auf Wertsteigerung. Doch die ganz dicken Früchte der »Wettbewerbsfähigkeit« landen bei den ganz großen Profiteuren. Die Eigentümer des Metro-Konzerns mit 150.000 (Teilzeit-, Leih- und Werkvertrags-) Beschäftigten konnten 2017 die 1,4 Milliarden Euro Gewinn unter sich aufteilen, ganz diskret. Ein Viertel der Aktien gehört den 680 Mitgliedern des Franz Haniel & Cie.-Familienclans. Clangründer Karl Haniel, Miteigentümer großer Ruhrgebietskonzerne, von 1928 bis zu seinem Tod 1944 Vorsitzender des Düsseldorfer Industrie-Clubs, machte Hitler salon- und kapitalfähig: Die NSDAP bedeute die »Erlösung von dem Kommunismus«. Zweitgrößter Aktionär ist der Schmidt-Ruthenbeck-Familienclan, die drittgrößte Aktionärsgruppe sind die Erben des SS-Scharführers in der Leibstandarte Adolf Hitler, Otto Beisheim. Er hatte ab 1963 mit den Schmidt-Ruthenbecks die Metro-Märkte gegründet, 1965 kamen die Haniels dazu. Im deutschen Faschismus hatte man gelernt und davon profitiert, wie großflächige, effektive Logistik zu organisieren ist.

Sie lieben die Schweiz. Die Schmidt-Ruthenbecks leben in der Finanzoase, ihre Karl-Schmidt-Stiftung sitzt in Zürich, die beiden Beisheim-Vermögensstiftungen sitzen im Städtchen Baar. Der Schweizer Bankier Peter Küpfer leitet nicht nur die Schmidt-Stiftung, sondern auch Briefkästen in weiter entfernten Finanz­oasen wie den Virgin- und Cayman Islands – dafür ist er Mitglied im Metro-Aufsichtsrat. Auch der Schweizer Fredy Raas ist Mitglied im Aufsichtsrat – er führt die Beisheim-Stiftungen.

Metro hat sich aber auch mit den heute Kapitalmächtigen verbunden. Die beiden Mitglieder des Aufsichtsrats Florian Funck (Haniel-Clan) und Professor Edgar Ernst sind gleichzeitig Mitglieder im Aufsichtsrat von Vonovia, dem mit 400.000 Mietwohnungen wichtigsten Treiber der Mietenexplosion in Deutschland. Dort trifft man sich mit den größten Investoren des westlichen Kapitalismus, Blackrock, Norges und Massachusetts Financial. Die haben ihre Briefkästen nicht altmodisch in der Schweiz, sondern neumodisch in Amsterdam und auf den Cayman Islands. In der Metro-Tochter Ceconomy AG – hier sind Saturn und Mediapark untergebracht – ist Ex-Deutsche Bank-Chef Jürgen Fitschen der Vorsitzende des Aufsichtsrats, und er ist auch Vorsitzender der Vonovia-Aufsichtsrats. Zudem ist er Chef der Cura-Vermögensverwaltung des Otto-Milliardärsclans, den Claudia Plath im Ceconomy-Aufsichtsrat vertritt: Die Selbstbereicherungsmaschine läuft.

Retter DHV?

Der »Kommunismus«, vor dem die Metro-Oberen ihren Reichtum retten möchten, hat heute die Gestalt der Gewerkschaft Verdi. Die »Erlösung« kam durch den DHV. Kürzlich feierte der auf seiner Website sein 125-Jahres-Jubiläum mit Selfies einiger seiner wenigen Mitglieder. 1893 hieß der völkische und antisemitische DHV Deutscher Handlungsgehilfen-Verband, unter Hitler trat er freiwillig in die Deutsche Arbeitsfront ein. Das wurde jetzt beim Jubiläum vergessen zu erwähnen. In der Bundesrepublik gehört der DHV zum Dutzend Scheingewerkschaften im Christlichen Gewerkschaftsbund CGB, die sich unchristlich und unbarmherzig den Unternehmern als Niedriglohnabnicker andienen.

Der DHV gehört damit zu den stillen Profiteuren im wachsenden Niedriglohnsektor. Von 2003 bis 2012 brachte er es auf 916 einzelbetriebliche und regionale Tarifverträge. Auf die Klage von Verdi, IG Metall und NGG hielt das Bundesarbeitsgericht am 26. Juni aufgrund der geringen und unklaren Mitgliedschaft im DHV dessen Tariffähigkeit für zweifelhaft. Ob die richtigen Gewerkschaften jetzt besser und freier kämpfen?

Am Aktionstag Schwarzer Freitag (13. Juli) plant die Aktion Arbeitsunrecht bundesweite Aktionen gegen Real, Metro und den DHV, um deren Aktionen ins rechte Licht zu setzen.

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Lohndumping Die Arbeitskosten und die Konkurrenz

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