Aus: Ausgabe vom 07.07.2018, Seite 10 / Feuilleton

Der Meeresauswurf

Alexander Pehlemann hat ein Geschichts- und Geschichtenbuch über »Punk im Ostblock« herausgegeben

Von Christof Meueler
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»Konterkultur«: Malgorzata Dolzkiewicz, genannt Pyza, eine der wenigen polnischen Musikerinnen, die mit den prüden polnischen Punks in einer Band spielen konnte (bei Kryzys, 1980 in Luban)

In die andere Richtung gehen: Wenn alle vom Westen reden, geht man weiter in den Osten. Besonders dann, wenn der Osten zum Westen geworden ist, wie es Alexander Pehlemann nach 1990 in Greifswald erlebte. Klar, Westmusik, aber über die schreiben doch alle. Und klar, Ostmusik, über die schreibt keiner, bis heute. Osten meint hier das Sammelgebiet der früheren RGW-Staaten.

Pehlemann wurde zum Gewährsmann für »kulturelle Randstandsblicke und Involvierungsmomente«, wie der Untertitel seiner hervorragenden Zeitschrift Zonic lautet, die er 1993 gründete. Über Jahre managte er die Redaktion von einer Telefonzelle in der Post, weil er zu Hause noch keinen Anschluss hatte. Und wenn er das Fanzine kopieren ging, schaltete er den Zähler zwischendurch auf Null, weil es sonst zu teuer geworden wäre.

Damals spielte er in einer kurzlebigen Band namens Heiner Müller ­Experience. Das Zonic gibt es dagegen immer noch, mittlerweile als Almanach, weil es Jahre dauert, eins zu produzieren. Aber ordentlich gedruckt ist es. Und Pehlemann ist mittlerweile der führende Ost-Untergrund-Experte hierzulande. Davon kann er zwar nicht richtg leben, aber viele Bücher und Ausstellungen machen. Zusammen mit Ronald Galenza gab er 2006 »Spannung, Leistung, Widerstand« heraus, das Standardwerk zur Kassettenszene der DDR, leider vergriffen und komischerweise nie wieder aufgelegt. Wenn es im Osten überhaupt Aufnahmen von Untergrundmusik gab, dann nur auf selbst aufgenommen Kassetten. Die Platten erschienen erst nach 1989.

Die Kampfansage

Im vergangenen Jahr war mal wieder Punk-Jubiläum (40 Jahre) und im Westen gab es nichts Neues. Im Osten aber gab es Pehlemann. Der organisierte in Leipzig die Ausstellung »Warschauer Punk Pakt«, lustigerweise in einem Ort namens naTo, einer Kneipe mit Galerie und kleinem Kino. Es ging hier um »Punk im Ostblock 1977–1989«. Pehlemann lenkte »den Blick von der DDR-Szene aus auf den größeren Ex-Bruderländer-Kontext«.

Jetzt gibt es das Buch zur Ausstellung, vollgestopft mit unglaublichen Geschichten aus dem ökonomisch und politisch zerfallenden Realsozialismus. Dagegen nehmen sich die meisten Anekdoten, die die BRD-Punks in Jürgen Teipels berühmtem Oral-History-Klassiker »Verschwende deine Jugend« 2001 zum besten geben, wie Erinnerungen an Ausflüge mit der Kindergartengruppe aus. Im Osten war Punksein eine existentielle Kampfansage, teilweise eine Form des symbolischen Terrorismus gegen das sozialistische System, das meistens abgelehnt wurde; nicht weil es sozialistisch war, sondern weil es überhaupt ein System war.

Gleichnishaft erzählt Flake von Rammstein in »Warschauer Punk Pakt«, wie er mit Feeling B mit einem »Gas-Wasser-Scheiße-Transporter« (sechs Tonnen schwer) von einem Konzert in Budapest kommt. Kurz vor der Grenze in Zinnwald fahren sie den Berg runter und machen den Motor aus, um Benzin zu sparen. Deshalb können sie aber nicht mehr bremsen und schießen auf die Grenze zu, schreiend und mit geschlossenen Augen. Doch es passiert nichts, wie im Slapstickfilm, wenn man auf Skiern ohne Stöcke den Berg runter rast und dann doch unbeschadet ankommt. Naja, meistens. Der Musiker Jürgen »Chaos« Gutjahr (spielte bei Wutanfall und Pffft …!) schreibt über die Folgen seiner Performances mit Material vom Schrottplatz: »Ich hatte Nägel und Schrauben in Hals und Stirn, Verbrennungen, einen gebrochenen Arm und immer wieder blutige Hände, mit Hautabrieb bis auf die Knochen.«

Bei einem Konzert der litauischen Gruppe WC 1985 in einem Bauernhof tanzten Punks nackt vor der Bühne, die aus hölzernen Obstkisten bestand. Sänger Atsuktuvas (auf deutsch: Schraubenzieher) schlug mit seiner Gitarre so fest gegen die Boxen, dass die Funken stoben, Mitmusiker Varveklis (Eiszapfen) nahm einen Schluck Spiritus und spuckte drauf: Die Bühne ging in Flammen auf und der Bauernhof gleich mit. Ein Lied von WC hieß »Es gibt nur noch wenige ehrliche Menschen«.

Mit Baskenmützen

In Polen hatten die Punks anfangs keine Lederjacken. Statt dessen trugen sie wattierte Jacken und Baskenmützen im Proletarierstil. Sie tranken selbstgebrannten Schnaps aus Mohn und schnüffelten Klebstoff. Später gab es viel Gras, angeblich das beste im Ostblock, und Reggae wurde das neue Ding, die Platten wurden meistens von Matrosen mitgebracht. Für den Kunsthistoriker Piotr Rypson hatte diese Szene eine »starke männliche Dominante«. Seiner Meinung nach war Punk in Polen »schon früh ziemlich konservativ und prüde«, so dass »Frauen sich oft für Mainstreammusik entschieden, weil sie dort paradoxerweise mehr künstlerische und anderwertige Unterstützung finden konnten als im Punk«, wie die Journalistin Agata Pyzik schreibt.

In der CSSR konnte es passieren, das Punks von Polizisten den Iro ausgerupft bekamen, in Bulgarien »wurden alle Subkulturen wie Kriminelle behandelt und waren Gegenstand der Aktivitäten des Geheimdienstes … zumindest bis zur Perestroika«, schreibt der Labelbetreiber Ivailo Tontschev. Auch in den anderen RGW-Staaten liefen Punks Gefahr, im Gefängnis oder in der Psychiatrie zu landen.

In Ungarn waren viele Punks rechts. Doch die unpolitischen Liedtexte von Vágtázo Halottkémek (Rasende Leichenbeschauer) waren nicht zu verstehen, sie gingen im Lärm unter und galten trotzdem als gefährlich, weil sie die Stimmung aufpeitschen würden, wie es hieß. In Jugoslawien, wo The Clash schon 1977 live auftraten, waren die meisten Punkmusiker dagegen Studenten aus der Mittelschicht und »auf eine komische Art waren sie Linke«, wie der serbische Journalist Petar Janjatovic meint.

Die erste Punkband Lettlands hieß übersetzt Meeresauswurf. »O Mann, Alter! Was soll denn das für ein Name sein?« wird im Rückblick aus einer Autobiographie zitiert. »Begreif doch, Gintscha! Es wird uns doch keiner erlauben, unsere Gruppe einfach ›Auswurf‹ zu nennen, darum dachte ich mir, dass es so ein Auswurf sein könnte, den man eigentlich zur Bodendüngung verwendet – Meeresauswurf. Alles ganz legal. Niemand kann dir was anhängen.«

Dem Sozialismus fremd

In der Tschechoslowakei beschäftigte sich der Staat lange Zeit mit langhaarigen Dissidenten aus dem Umfeld der berühmten Band The Plastic People of The Universe und ignorierte die Punks – bis die Parteizeitung Tribuna 1983 den »musikalischen Schund« geißelte und vor den Songtexten warnte, als »Ausdruck des Nihilismus und Zynismus, tiefer Unzivilisiertheit und ideologischer Ansichten, die der sozialistischen Gesellschaft völlig fremd sind«. In Jugoslawien aber erklärte der junge Slavoj Zizek schon 1981 in Problemi, der Zeitschrift des kommunistischen Jugendverbandes Kroatiens, voll hinter Punk zu stehen und zwar »als ein Arbeiter im Bereich der Kultur und Theorie«.

In Leipzig gab es einzelne Punks, die waren entschlossen »mit dem System konsequent zu brechen«, wie der Galerist Henryk Gericke berichtet, doch die meisten wandten sich einfach ab, um »das bessere Gesellschaftsystem sich selbst zu überlassen«. Sie spielten in Wohnungen, Ateliers und Kirchen. Der Anarchist und Dichter Bert Papenfuß erinnert sich: »Ich habe mich nicht als ›DDR-Schriftsteller‹ verstanden, sondern als Teil einer internationalen Konterkultur, die gegen die Politik ›ihrer‹ jeweiligen Staaten kämpfte.« So begriffen sich auch die Punks im Westen. In der Sowjetunion beschwichtigte 1986 Wiktor Mironenko als neuer Chef des Komsomol die Sicherheitsorgane, es gebe in der UdSSR keine richtigen Punks. Das seien lediglich Jugendliche, die diesen Stil aus dem Westen nachahmten, um zu provozieren. Heute denkt man, es war andersherum.

Alexander Pehlemann (Hg.): ­Warschauer Punk Pakt. Punk im Ostblock 1977–1989. Ventil, Mainz 2018, 319 S., 25 Euro

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