Aus: Ausgabe vom 05.07.2018, Seite 10 / Feuilleton

Smalltalk mit Data

Von Thomas Wagner
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Bitte abschalten: Assistenzroboter Cimon schwebt durch die ISS (Fotomontage von Airbus)

Aus Science-Fiction-Filmen sind sie uns längst vertraut: Roboter, die eine Raumschiffsbesatzung auf ihren Flügen begleiten und die menschlichen Crewmitglieder in mehr oder weniger interessante Konversationen verstricken. Das bekannteste Exemplar ist wahrscheinlich der Android Data, Zweiter Offizier der Enterprise unter dem Kommando von Jean-Luc Picard. Eine Maschine, die ihre Fähigkeiten ständig verbessert und den Wunsch entwickelt, ein Mensch zu werden. Data ist eine der spannenderen Figuren des Star-Trek-Universums.

Nun sieht es so aus, als ob die Fiktion allmählich von der Wirklichkeit eingeholt würde. Bei dem aus einer US-Amerikanerin, einem Russen und dem Deutschen Alexander Gerst bestehenden Team der Mission »Horizons« ist zum ersten Mal ein autonom agierender Astronautenassistent mit dabei. Entwickelt hat ihn der europäische Raumfahrtkonzern Airbus in Ludwigshafen. Die Maschine wurde am 29.6.2018 mit einer Space-X-Rakete des Unternehmers Elon Musk zur internationalen Raumstation ISS befördert. Ihr Name ist »Cimon«. Das steht für: Crew Inter­active Mobile Companion. Der Name soll aber auch an Professor Simon Wright erinnern, das »fliegende Gehirn« aus der Anime-Serie »Captain Future«. Cimon ist ein selbstlernendes System künstlicher Intelligenz, das der Besatzung sechs Monate lang bei ihren Experimenten und der Tagesplanung helfen soll. Außerdem wird sich der etwa fünf Kilogramm schwere Roboter von der Größe eines Medizinballs nach dem Befinden der Crew erkundigen und gelegentlich ein wenig Smalltalk machen. Die Maschine greift dabei auf das von dem Computerhersteller IBM entwickelte KI-System Watson zurück. Das Programm wurde bekannt, als es ihm 2011 gelang, seine menschlichen Konkurrenten bei der beliebten US-Fernsehquizshow »Jeopardy« zu schlagen. »Unsere Hoffnung ist es, dass Cimon eines Tages Teil der Crew wird«, zitierte die Frankfurter Allgemeine Woche (23/1.6.2018) Till Eisenberg, einen leitenden Mitarbeiter von Airbus Defence and Space Friedrichshafen.

Momentan ist der Einsatz der Maschine noch ein Experiment. Beispielsweise will man herausfinden, ob Cimon in der Lage ist, die Gruppendynamik unter den in beengten Verhältnissen lebenden Besatzungsmitgliedern positiv zu beeinflussen. Diese psychologische Komponente, glaubt die Wochenzeitung, wird bei den künftigen Weltraumexpeditionen immer wichtiger werden. Bei den von der US-amerikanischen Raumfahrtagentur NASA geplanten »Deep-­Space-Missionen« zum Mars, die in zehn oder zwanzig Jahren schon möglich sein sollen, wird die Erde aus dem Blick geraten. Noch spekuliert man über die Effekte, die das Out-of-sight-Phänomen auf die Besatzungsmitglieder haben wird. »Die wenigen Menschen an Bord könnten sich geistig abkoppeln und womöglich einkapseln«, befürchtet die Frankfurter Allgemeine Woche. In Krisensituationen, so hofft man, könnte der künstliche Astronautenassistent zur Entspannung der Lage beitragen – als eine Art mentaler Fitnesstrainer und Ratgeber. »Womöglich«, spekuliert Eisenberg, »würde die Gruppe einen Einwand von Cimon eher akzeptieren als einen Funkspruch von der Bodenstation, der dreißig Minuten braucht, um in der Raumstation anzukommen.« Ich könnte mir allerdings auch vorstellen, dass die Astronauten die Kommunikation mit so einer Weltraum-Alexa irgendwann leid sind und sich – mit oder ohne Einwilligung der Bodenstation – darauf verständigen, das Ding einfach auszuschalten. Diese Variante würde mir ehrlich gesagt am besten gefallen.

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