Aus: Ausgabe vom 04.07.2018, Seite 10 / Feuilleton

Freudenberg, Oelschlegel

Von Jegor Jublimov
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Ihr Leben schreit nach einer Verfilmung: Vera Oelschlegel (2007 in der Produktion »Goya«)

Nach einem abgebrochenen Schauspielstudium hat Nina Freudenberg das Regiehandwerk in der Praxis erlernt. Als Assistentin arbeitete sie ab 1955 im DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme (das später im DEFA-Dokumentarfilmstudio aufging). In den sechziger Jahren graduierte sie als Diplom-Gesellschaftswissenschaftlerin. Sie übernahm bald die DEFA-Wochenschau »Der Augenzeuge«, die sich damals aufgrund vieler langweiliger Parteitags- und Produktionsberichte geringer Beliebtheit erfreute, zumal das Fernsehen der Kino-Wochenschau in Sachen Aktualität den Rang abgelaufen hatte. Freudenberg machte den »Augenzeugen« feuilletonistischer, holte auf Filmforen in Filmklubs und anderswo Zuschauermeinungen ein und führte die Wochenschau in die Reihe »Kinobox« über, in der eine unterhaltende Mischung von Kuriosa und Musiknummern dominierte. Hier zeichnete sie für viele Sujets selbst verantwortlich, ebenso wie beim »Abendgruß« des DDR-Kinderfernsehens. 1991 inszenierte sie noch einen Beitrag für die »Sendung mit der Maus«, ehe sie sich in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedete. Am Sonntag kann die gebürtige Königsbergerin ihren 85. Geburtstag feiern.

Die Chefin der 2013 aufgelösten Tourneebühne »Theater des Ostens«, Vera Oelschlegel, hat ihre Memoiren schon 1991 unter dem Titel »Wenn das meine Mutter wüsst’« veröffentlicht. Damals war sie 53 und könnte jetzt sicherlich noch einige Kapitel hinzufügen, da sie morgen 80 Jahre alt wird. Die Leipzigerin studierte ab 1956 Schauspiel an der Babelsberger Filmhochschule und debütierte in dieser Zeit schon bei der DEFA. Nach zwei Theaterjahren in Putbus ging sie ans Adlershofer Fernsehensemble, wo sie häufig die verführerische Schöne in der zweiten Reihe gab. Ihre bis heute bekannteste Filmrolle spielte sie 1970 als 13. Fee in dem Märchenfilm »Dornröschen«. Sie war auch Diseuse, besang Platten und ging mit Brecht-Programmen auf Tournee in aller Welt. 1976 wurde sie Gründungsintendantin des TiP im Berliner Palast der Republik. 15 Jahre lang gestaltete sie hier einen außerordentlichen Spielplan mit Autoren aus Ost und West, führte Schauspieler verschiedener Berliner Bühnen in neuer Konstellation zusammen. Sie inszenierte, stand auch beispielsweise als Goethes Stella selbst auf der Bühne und leitete Meisterklassen junger Schauspieler, letzteres mit nicht unumstrittenen Methoden. Ihr Buch jedoch, in dem sie aus ihren Ehen mit den Autoren Günther Rücker und Hermann Kant sowie dem Politiker Konrad Naumann plaudert und sich über DDR-Kollegen und -Politiker lustig macht, schreit nach einer Verfilmung.

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Abgedreht Filmkunst und Politik in der DDR

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