Aus: Ausgabe vom 04.07.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Engie putzt sich heraus

Frankreichs Regierung will Energieriesen privatisieren. Konzern verlagert Kundendienst nach Marokko. 3.000 Jobs in Gefahr

Von Hansgeorg Hermann
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Engie-Monteur: Für Beschäftigte des französischen Energieriesen besteht soziale Absturzgefahr

Der französische Energieriese Engie wird noch in diesem Jahr den größten Teil seines Servicebereichs in Billiglohnländer nach Nordafrika verlagern. Betroffen ist in erster Linie der Kundendienst am Telefon. In Gefahr sind bis zu 3.000 Arbeitsplätze in Frankreich. Neben der geplanten »Delokalisierung« stehen auch eine umfassende Digitalisierung der administrativen Strukturen des Konzerns und die Privatisierung des staatlichen Aktienanteils ins Haus. Generaldirektorin Isabelle Kocher ließ die seit rund einem Monat in rund 300 Werken gegen die geplanten Maßnahmen streikenden Lohnempfänger wissen: »Digitalisierung ist die Zukunft, Telefonzentralen sind es in keiner Weise.«

Wie die Gewerkschaft Force Ouvrière (FO) in dieser Woche erklärte, sind seit dem 26. Juni bis zu 43 Prozent der im Bereich Kundendienst Beschäftigten in den Ausstand getreten. Den Streik hat neben der FO auch die CGT (Confédération générale du travail) organisiert. Beide Gewerkschaften sprachen von einer »nie dagewesenen Mobilisierung«. Zentrale Forderungen der Lohnabhängigen an die Konzernleitung und die Regierung von Staatspräsident Emmanuel Macron: Einstellung des Lohndumpings durch Arbeitsplatzverlagerung in Billiglohnländer und Sicherung der bestehenden Posten in Frankreich.

Engie ist gegenwärtig der weltweit drittgrößte Energieanbieter außerhalb des Erdölsektors. Das Unternehmen mit inzwischen rund 153.000 Arbeitsplätzen entstand im Juli 2008 aus der Fusion der Versorgungskonzerne Gaz de France und Suez, einer in den Bereichen Gas, Elektrizität und Wasser international aktiven franko-belgischen Aktiengesellschaft. Das 2008 im Rahmen der Zusammenlegung verabschiedete Gesetz »PACTE« (Aktionsplan für Wachstum und Umbildung der Unternehmen) verpflichtet den französischen Staat bisher, rund 25 Prozent des Stammkapitals und 33 Prozent der Stimmanteile an Engie zu halten. Jetzt beginnt der Konzern offenbar damit, sich für Privatinvestoren »fein« zu machen.

Gildas Gouvazé, FO-Sekretärin im Engie-Betriebsrat, warnte am Montag: »Die geplante Privatisierung wird künftige Interventionen des Anteilseigners Staat (zu Gunsten der Lohnempfänger, jW) verhindern, wir werden deshalb nicht mehr geschützt sein.« Nach Angaben der FO wurden »bereits jetzt« rund 1.200 Posten im Kundendienst des Unternehmens »intern und bei den Dienstleistern« vernichtet. Eine Entwicklung, die inzwischen zur Schließung von 23 Engie-Filialen geführt habe. Gouvazé: »Für dieses Massaker gibt es weder eine wirtschaftliche noch technologische oder konkurrenzbedingte Rechtfertigung.« In der Tat habe Engie im vergangenen Jahr einen Gewinn von 1,4 Milliarden Euro eingefahren, die Dividenden seien um sieben Prozent gestiegen. FO und CGT weisen darauf hin, dass das Unternehmen seit 2008 bereits rund 80 Prozent seiner Kundendienste an externe Anbieter abgegeben habe. Die Forderung des Managements, die Löhne um rund 30 Prozent zu drücken, habe diese Filialen veranlasst, ihre Dienste in frankophone nordafrikanische Länder wie Marokko auszulagern.

In erster Linie richtet sich der von den Gewerkschaften organisierte Widerstand allerdings gegen geplante Privatisierungsmaßnahmen, die Macrons Regierung im kommenden September durch ihre Mehrheit in der französischen Nationalversammlung abnicken lassen will. Dazu bedarf es eines neuen Gesetzes, das privaten Anlegern den Zugriff auf die Engie-Anteile noch einmal erheblich erleichtern soll. Im Élysée-Palast wird nach Angaben der FO auch die Zerschlagung des Sektors Elektrizität erwogen – und eine damit verbundene Privatisierung zahlreicher Produktionsstätten wie etwa von Staudämmen und anderen Wasserkraftwerken.

Loïc Delpech, Gewerkschaftsvertreter der CGT im Bereich Minen und Energie, warnte Ende der vergangenen Woche vor bestehenden, von Macron und seinem Ministerpräsidenten Édouard Philippe aber noch nicht veröffentlichten Plänen: »Wir haben bisher weder von der Regierung noch vom Management eine Antwort darauf bekommen, ob eine völlige Öffnung der Engie-Anteile für Private angestrebt wird. Was den Sektor Elektrizität anbetrifft, sagt man uns, dass das nicht auf der Tagesordnung stehe. Wir haben allerdings auch kein definitives, schriftliches Dementi.«

Der landesweit organisierte Ausstand der Engie-Beschäftigten hat in den vergangenen Wochen jeweils tageweise mehr als 300 Produktionsstätten getroffen, darunter verschiedene große Atom- und Wasserkraftwerke. Die Zentrale in Cruas (Ardèche) wird seit zwei Wochen bestreikt, die Stromherstellung wurde zeitweise völlig blockiert. CGT-Sekretär Delpech wies darauf hin, dass die Reallöhne der Kundendienstleister und Kraftwerksbesatzungen seit zehn Jahren ständig gesunken seien. Im selben Zeitraum habe die Muttergesellschaft Engie mehr als 29 Milliarden Euro Dividende an die Aktionäre des Großkonzerns, also auch an den Staat, ausgeschüttet.

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