Aus: Ausgabe vom 04.07.2018, Seite 7 / Ausland

Spekulation und Sensation

US-Medien: Nordkorea baut Atomwaffenproduktion aus. Belege gibt es dafür kaum

Von Knut Mellenthin
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»Zweifel an der Aufrichtigkeit der nordkoreanischen Führung«: Partei- und Staatschef Kim Jong Un gibt Anweisungen

Seit acht Tagen erscheinen in US-amerikanischen und internationalen Medien immer neue Meldungen über eine angebliche Ausweitung der nordkoreanischen Atomwaffenproduktion. Daran wäre grundsätzlich nichts Aufregendes, denn die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK) ist bisher keine Verpflichtungen eingegangen, die im Widerspruch zur Herstellung von nuklearem Material oder auch von Raketen für den Transport von Atomsprengköpfen stehen würden. Dennoch sind viele Berichte sensationslüstern aufgemacht und mit Zweifeln an der Aufrichtigkeit der nordkoreanischen Führung ebenso wie mit Vorwürfen gegen die US-Präsident Donald Trump unterstellte Naivität gespickt.

»38 North«, eine Arbeitsgruppe des in Washington ansässigen Stimson Center, meldete am vorigen Dienstag als erstes ein »schnelles Voranschreiten« der »Verbesserungen von Infrastruktur« des nordkoreanischen Reaktors in Yongbyon, wo Plutonium hergestellt wird. Es soll dabei um Arbeiten am Kühlsystem gehen, die im März begonnen hätten und jetzt fast abgeschlossen seien. Das Stimson Center liefert regelmäßig Analysen für US-Regierungen beider großer Parteien. »38 North« berief sich für seine Behauptung auf Satellitenaufnahmen.

Am Freitag berichtete das US-amerikanische Hörfunk- und Fernseh-Netzwerk NBC über eine nichtöffentliche »Einschätzung« der US-Geheimdienste. Darin ist angeblich die Behauptung enthalten, dass die DVRK während der letzten Monate »in mehreren geheimen Anlagen« die Produktion von nuklearem Material für Atomwaffen gesteigert habe. NBC berief sich lediglich auf angebliche Aussagen von fünf nicht näher bezeichneten US-amerikanischen »Officials«. Deren Angaben zufolge seien die Dienste in ihrer »Einschätzung« zu der Schlussfolgerung gekommen, dass die DVRK über mehr als eine »Geheimanlage« zur Atomwaffenproduktion verfüge.

Am Sonntag berichtete die neokonservative US-Tageszeitung Wall Street Journal über umfangreiche Arbeiten an einer Anlage zur Herstellung von Feststoffraketen. Auch in diesem Fall lagen der Darstellung angeblich Satellitenaufnahmen zugrunde. Die DVRK verfügt mehrheitlich nur über Raketen mit flüssigem Treibstoff. Sie werden erst vor dem Start aufgetankt, was mehrere Stunden dauern kann. Dadurch bleibt Zeit für feindliche »Präemptivschläge«. Feststoffraketen hingegen können unmittelbar gestartet werden. Militärexperten nehmen an, dass die nordkoreanischen Langstreckenraketen, die die USA erreichen könnten, bisher alle nur mit Flüssigkeitstriebwerken ausgestattet sind. Die US-Regierung, der Auslandsgeheimdienst CIA und andere betroffene Stellen weigerten sich, die Berichte zu kommentieren. Aus der DVRK kam keine Reaktion.

Präsident Trump und der nordkoreanische Staats- und Parteichef Kim Jong-Un hatten sich am 12. Juni in Singapur getroffen. Sie unterzeichneten dabei eine gemeinsame Erklärung, die keine konkreten Festlegungen enthält. Die DVRK bekräftigte lediglich ihren Willen, »auf die Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel hinzuarbeiten«. Dieser Begriff wird in Pjöngjang und Washington sehr unterschiedlich interpretiert.

Gespräche über einen Zeitplan für praktische Schritte zur Umsetzung dieses Ziels sollen in Kürze beginnen. Das wird voraussichtlich Thema sein, sollte US-Außenminister Michael Pompeo, wie geplant, in der zweiten Hälfte dieser Woche Pjöngjang besuchen. Bisher ist nicht bekannt, wie die US-Regierung in den Verhandlungen vorgehen will. Plausibel ist die Vermutung vieler Beobachter, dass sie als ersten Schritt eine vollständige und detaillierte Aufstellung der DVRK über deren nukleare, chemische und biologische Waffen und über die damit in Zusammenhang stehenden Produktionsanlagen verlangen wird. Als scheinbare Selbstverständlichkeit bezieht die Trump-Regierung in ihre Forderungen das nordkoreanische Raketenprogramm ein, obwohl dieses mit der angestrebten »Entnuklearisierung« nichts zu tun hat und auch in der Abschlusserklärung des Gipfeltreffens vom 12. Juni nicht erwähnt wird.

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