Aus: Ausgabe vom 03.07.2018, Seite 8 / Ausland

»Wir wollen nicht noch mehr tote Frauen«

In Venezuela steht die Diskussion über eine Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen erst am Anfang. Gespräch mit Yuruani Sánchez

Interview: Ainarú Añez, Caracas
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Für die Legalisierung von Abtreibungen: Protest in Caracas im Juni 2018

In verschiedenen südamerikanischen Ländern gibt es eine Debatte über die Lockerung von Abtreibungsverboten, etwa in Chile oder in Argentinien. Sie sind zuletzt in Caracas für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen auf die Straße gegangen. Denken Sie, dass dieses Ziel in Venezuela erreichbar ist?

Ich glaube nicht, dass eine Aufhebung des Verbots von Schwangerschaftsabbrüchen kurzfristig möglich ist. Trotzdem muss sie eine zentrale Forderung des Feminismus bleiben. Doch in der gegenwärtigen Krise, die wir auch im Gesundheitsbereich in Venezuela erleben, in der Frauen in den Geburtskliniken keine qualitativ hochwertige Betreuung mehr erhalten, ist dies wohl nicht der ideale Zeitpunkt. Zudem ist Venezuela ein stark vom Machismo geprägtes Land, und die feministische Bewegung ist nicht sehr gut organisiert. Möglicherweise können wir die Legalisierung langfristig erreichen, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Warum sind Abtreibungen in Venezuela noch nicht legalisiert worden? Ist es versucht worden?

Meines Wissens gab es nie einen ausreichend großen Druck, damit sich die Nationalversammlung mit dem Thema befasst. Ich weiß auch von keinen größeren Demonstrationen. Es gab bislang nur einzelne und kleinere Kundgebungen, zum Beispiel Ende Juni eine Demonstration feministischer Gruppen vor dem Parlamentsgebäude. Aber diese Bewegung entsteht erst. Langfristig können diese kleinen Aktionen allerdings dazu führen, dass die Forderungen Beachtung finden.

Hausfrauen und Frauen werden nach wie vor unterdrückt, auch wenn immer wieder gesagt wird, dass Venezuela ein matriarchales Land sei, nur weil viele alleinstehende Frauen als Haushaltsvorstände gelten. Wichtig ist auch, dass der Einfluss der Kirche trotz des laizistischen Bildungswesens noch immer sehr groß ist. Wir müssen die Debatte um das Recht auf freie Entscheidung ernst nehmen. Es geht um die Diskriminierung der Frau.

Wo werden Schwangerschaftsabbrüche überhaupt vorgenommen?

In privaten Institutionen werden sie bereits praktiziert. Straffrei sind sie aber noch nicht. Betroffene müssten sich aber auch an jede öffentliche Praxis wenden können. Es sind die Frauen mit den geringsten finanziellen Mitteln, die am meisten unter der derzeitigen Situation leiden. Sie sehen sich gezwungen, Abtreibungen an geheimen Orten vornehmen zu lassen, was für sie Lebensgefahr bedeutet. Bislang weigert sich der Staat nicht nur, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen, sondern auch, sich um Fälle zu kümmern, bei denen es im Zusammenhang mit Abtreibungen zu Komplikationen gekommen ist. Wenn sich die Frau in so einem Fall an ein Krankenhaus wendet, wird sie kriminalisiert.

Glauben Sie, dass eine Legalisierung von Abtreibungen ein Mittel zur Geburtenkontrolle sein kann?

Ja, aber nur als letzte Maßnahme, die ergriffen werden kann, um nicht Mutter zu werden. Es muss eine umfassende und wirksame Sexualerziehung eingeführt werden. Vor allem muss verhindert werden, dass zwölfjährige Mädchen schwanger werden. Abtreibungen sollten aber nicht auf die Geburtenkontrolle reduziert werden. Es geht darum, das Recht der Frauen zu garantieren, selbst zu entscheiden, wann, wie und warum sie Mütter sein wollen.

Was sagen Sie Frauen, die gegen Abtreibungen sind?

Es geht bei der Frage der Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen nicht darum, ob man für oder gegen sie ist. Das ist eine absolut persönliche Frage. Die Frauen haben das Recht, selbst über ihren Körper und ihre Mutterschaft zu entscheiden, das ist kein heiliges Mandat. Die Legalisierung wäre eine Maßnahme zum Schutz der Frauen mit geringen Einkommen, die Hilfe brauchen und den Wunsch haben, ihre Schwangerschaft abzubrechen. Viele von ihnen sterben, weil sie keinen Zugang zu einer legalen, kostenfreien und sicheren Abtreibung haben. Wir wollen nicht noch mehr tote Frauen und auch keine weiteren, die im Gefängnis sitzen, weil sie eine Entscheidung über ihren Körper getroffen haben.

Yuruani Sánchez ist feministische Aktivistin und studiert in Caracas

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