Aus: Ausgabe vom 28.06.2018, Seite 10 / Feuilleton

Startup-Schmiede Bundeswehr

Von Thomas Wagner
RTX31O6A.jpg
South by Southwest (SXSW) Music Film Interactive Festival 2017 in Austin, Texas

Der technologische Fortschritt stellt das Militär vor große Probleme. Denn wenn es stimmt, dass er sich in manchen Bereichen in exponentieller Geschwindigkeit entwickelt, bleibt auch die jeweils neueste technische Ausrüstung binnen kürzester Zeit hinter dem zurück, was an Innovation in der Waffentechnologie möglich wäre. Der Grund: Es würde jeden Militärhaushalt hoffnungslos überfordern, Heer, Luftwaffe und Marine tatsächlich alle paar Jahre auf den neuesten Stand zu bringen. Bislang war es üblich, die Anschaffung einer neuen Technik, beispielsweise eines besseren Kampfflugzeugs oder Panzers, Jahrzehnte im voraus zu planen. Die Bereitstellung entsprechender Budgets, das Einholen aller erforderlichen Genehmigungen und schließlich die Produktion dauern lange. Das zu ändern, dürfte eine Sisyphus-Arbeit sein. Zumal sich die jeweils bevorstehenden Umwälzungen schlecht vorhersagen lassen. Bei der Bundeswehr versucht man sich offenbar dennoch an der Quadratur des Kreises: der Implementierung der Startup-Mentalität in die Truppe, um mit der Veränderungsgeschwindigkeit der digitalen Technik mitzuhalten.

Dazu wurde 2017 mitten in Berlin ein sogenannter Cyber Innovation Hub (Innovationszentrum) eingerichtet. Es handelt es sich aber nicht um eine weitere Abteilung, die sich mit der Kriegführung im Internet befasst – dazu verfügt die Bundeswehr schon über eine mit 13.000 Soldaten personell gut ausgestattete Cyber-Armee –, sondern um eine Art Innovationsbüro, das den Kontakt der Bundeswehr mit vielversprechenden Startups der Hightech-Branche organisieren soll. Nur 47 Personen – Berufssoldaten und Unternehmensgründer – arbeiten laut Süddeutscher Zeitung (15.3.2018) in der von Marcel Yon geleiteten Einrichtung: »Yon war Investmentbanker und Seriengründer, der hat sich viel mit künstlicher Intelligenz beschäftigt. Nachdem er seine letzte Firma verkauft hat, half er dem Verteidigungsministerium, die Strategie für den Cyber-Innovation-Hub zu entwickeln. 40 Prozent seiner Mitarbeiter sind Frauen, was für das Militär und die Internetwirtschaft sehr viel ist.« In den Streitkräften der USA gibt es eine ähnliche Einheit: das Afwerx der US Air Force. Das zentrale Problem solcher mit Neuerungen befassten Militärabteilungen beschreibt Yon wie folgt: »Es ist schwierig für uns, exponentielles Wachstum vorherzusagen. Niemand weiß doch, wie die Welt in 20 Jahren aussehen wird.« Um die eigene Prognosefähigkeit zu verbessern, suche man den Kontakt zur Hightech-Industrie dort, wo sie am innovativsten erscheint.

Im März besuchten Yon und mehrere seiner Kameraden das legendäre Digital-, Musik- und Filmfestival South By Southwest in Austin (USA). Der Zweck der Reise: die Kontaktaufnahme zu Unternehmensgründern, deren Produkte für die Bundeswehr interessant werden könnten. 80 Prozent seiner Technik erwirbt das Heer bislang bei 20 bis 30 Großzulieferern, diesen Zustand wolle Yon nun ändern. Den Startups soll der Zugang zu lukrativen Militäraufträgen leichter gemacht werden. »Der Hub legt gerade eine internationale Startup-Datenbank an. Auf der Suche ist das Innovationsteam der Truppe zum Beispiel nach Technik für die Analyse großer Datenmengen, künstlicher Intelligenz oder ›Blockchain‹-Technologie«, so die Süddeutsche.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton