Aus: Ausgabe vom 28.06.2018, Seite 8 / Ansichten

Doppelte Strategie

US-Boykott gegen Iran

Von Jörg Kronauer
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Wer nicht pariert, wird sanktioniert: Donald Trump

Trump sucht die Entscheidungsschlacht. Alle Staaten der Welt – alle! – müssten ihre Erdölimporte aus Iran vollständig einstellen, und zwar bis zum 4. November, verkündete die US-Administration am Dienstag im Kommandoton. Der Zeitplan sei ambitioniert; daher müssten alle – alle! – schon jetzt beginnen, ihre Einfuhren aus dem Golfstaat zu reduzieren. Klar sei: Wer nicht pariere, werde mit Sanktionen bestraft. Ausnahmen würden nicht gemacht. Nur die Art der Sanktionen hält der weltmachttrunkene Immobilienoligarch im Weißen Haus sich noch offen.

Trump verfolgt mit seiner jüngsten Aggression zwei Ziele. Nummer eins ist – klar – ein prowestlicher Umsturz in Teheran. Weil der aber bei den Sanktionen der Ära Obama ausgeblieben ist, sucht dessen Nachfolger den Boykott nun zu verschärfen: Durften damals auch US-Verbündete wie Japan und Südkorea noch iranisches Öl in beachtlichem Umfang importieren, so soll Irans Wirtschaft diesmal mit einer Totalblockade gänzlich ruiniert werden. Ziel Nummer zwei: Dass die EU mit ihrem ebenfalls weltmachttrunkenen Kommandeur Deutschland eigene Vorstellungen für die Zurichtung des Mittleren Ostens entwickelt hat, ist dem transatlantischen Rivalen ein Dorn im Auge. Also treibt er sie aus dem Land hinaus, solange die deutsche Industrie noch von ihren riesigen Profiten im US-Geschäft abhängig, ernster Streit mit Washington also zu teuer ist.

Wird der Plan aufgehen? Erdölkonzerne aus Frankreich und Großbritannien haben ihren Rückzug aus Iran mit Blick auf ihr gewaltiges US-Geschäft schon im Mai eingeleitet, als Trump ankündigte, dort tätige Konzerne würden künftig in den Vereinigten Staaten bestraft. Ergänzend verhandelt Washington mit Südkorea und Japan, die rund ein Fünftel der iranischen Exporte abnehmen. Beide sind militärisch so eng an die USA gebunden, dass sie trotz allen Unmuts über die Stahlstrafzölle und über Trumps außenpolitische Alleingänge kaum ausscheren können. Ob Indien, das gleichfalls fast ein Fünftel der iranischen Ölausfuhren kauft, und die Türkei (fast ein Zehntel) nach Trumps Pfeife tanzen werden, ist schon weniger gewiss. Diese Länder haben Gegenzölle gegen die US-Strafzölle verhängt.

Und China? Die Volksrepublik nahm zuletzt fast ein Viertel des gesamten iranischen Ölexports ab. Sie hat, solange Trump aufs Ganze geht, nichts zu verlieren. Beijing kündigte jetzt an, ab dem 6. Juli, wenn Washington bei seiner angedrohten nächsten Strafzollrunde bleibt, Gegenzölle auch auf Öl, Gas und Kohle aus den USA zu erheben. China ist – noch – größter Abnehmer US-amerikanischen Öls. Der chinesische Ölkonzern Sinopec hat jetzt mitgeteilt, die Tankschiffe, die Öl aus Iran nach China lieferten, seien in keiner Weise von den USA abhängig. Man könne prinzipiell weiterhin liefern. Vielleicht wird der Streit um den Totalboykott Irans ja ein weiteres Element des US-Wirtschaftskriegs gegen Beijing.

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