Aus: Ausgabe vom 28.06.2018, Seite 5 / Inland

Wenn Mutti keinen Job hat

Studie: Ein Einkommen reicht immer seltener für die Familie. Entlastungsgesetz hilft Bedürftigen nicht

Von Susan Bonath
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»Armutslagen« häufen sich: Mutter mit Kind

Wachsender Reichtum und eine boomende Wirtschaft auf der einen Seite, prekäre Lohnarbeit auf der anderen: In Deutschland rutschen immer mehr Familien mit nur einem Einkommen unter die Armutsgrenze. Ob Kinder in materiellem Mangel aufwachsen müssen oder nicht, hänge inzwischen stark von der Berufstätigkeit der Mutter ab, fand das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung heraus. Letztere ist nicht unbeteiligt am wachsenden Niedriglohnsektor. Sie konzipierte maßgeblich Hartz IV.

So habe das für Westdeutschland lange Zeit klassische Einverdienermodell auch in sogenannten Mittelschichtsfamilien weitgehend ausgedient. Immer seltener reiche ein Einkommen aus, um Kindern ein finanziell abgesichertes Aufwachsen zu ermöglichen. Seien Mütter über längere Zeit nicht berufstätig, erlebten fast zwei Drittel der Kinder »Armutslagen«, die Hälfte davon dauerhaft oder wiederkehrend. Lediglich ein Drittel sei rundum abgesichert. Hätten Mütter im fünfjährigen Untersuchungszeitraum ihre Stelle – oft auch Teilzeitarbeit oder Minijobs – verloren, sei das Armutsrisiko signifikant angestiegen. Als Armutslage definierten die Autoren der am Mittwoch vorgestellten Studie jene, die von weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens leben und teils mit Hartz IV aufstocken mussten.

Besonders sind daher Alleinerziehende und ihr Nachwuchs betroffen. Lediglich ein Vollzeitjob oberhalb des Niedriglohns könne meist verhindern, dass diese Menschen dauerhaft in einer Armutslage leben müssten. Doch selbst in diesem Fall, so die Autoren, mache jedes sechste Kind mindestens zeitweilige Armutserfahrungen. Gehe der alleinerziehende Elternteil einer »stabilen Teilzeitbeschäftigung« nach, lebten noch immer zwei Drittel der Kinder zeitweise oder dauerhaft unterhalb der Armutsschwelle. Bertelsmann-Vorstand Jörg Dräger zog daraus zwei Schlüsse: Einerseits müsse die Politik Eltern, vor allem Müttern, den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern. Zweitens bräuchten Familien mehr Hilfe in Situationen, in denen Erwerbsarbeit für Mütter nicht möglich ist. »Kinder müssen unabhängig von ihren Familien unterstützt werden, dass sie nicht vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt sind«, forderte er.

Ebenfalls am Mittwoch hatte das Bundeskabinett ein »Familienentlastungsgesetz« abgesegnet, das knapp zehn Milliarden Euro koste. Dieses verdiene den Namen allerdings nicht, kritisierte die Bundestagsabgeordnete Katrin Werner (Die Linke). »Es geht an denen vorbei, die es am dringendsten benötigen.« Familien im Hartz-IV-Bezug und Alleinerziehende gingen wieder leer aus. Ähnlich sieht es Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks. Die Neuerung erleichtere Müttern weder den Zugang zur Erwerbsarbeit noch helfe es ihnen im Grundsicherungsbezug, erklärte er.

Die Regierung will unter anderem das Kindergeld um zehn Euro erhöhen. Bei Hartz IV und Sozialhilfe wird es aber komplett angerechnet. Anhebungen des Kinderfreibetrags um knapp 200 auf 7.620 Euro und des steuerlichen Grundfreibetrags von 9.000 auf 9.168 Euro helfen zudem weder Geringverdienern noch Leistungsbeziehern. Um davon zu profitieren, ist ausreichendes Erwerbseinkommen Voraussetzung.

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