Aus: Ausgabe vom 28.06.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Verfolgung hat keine positiven Auswirkungen«

Der alternative Drogenbericht als Korrektiv zu offiziellen Verlautbarungen. Gespräch mit Bernd Werse

Von Interview: Markus Bernhardt
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Die Hanfparade in Berlin (August 2017)

Sie haben am Mittwoch den »5. Alternativen Drogen- und Suchtbericht« (ADSB) vorgestellt. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), stellt ebenfalls jährlich einen Report vor. Wozu braucht es eine Alternative dazu?

Der offizielle Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung enthält zwar eine Menge Zahlen und Fakten zum offiziellen drogenpolitischen Status Quo, Prävention und Behandlung, aber zum Beispiel die fortschreitende Diskussion über eine notwendige Neuausrichtung der Drogenpolitik wird völlig verschwiegen – beispielsweise die Regulierung von Cannabis zum Eigenbedarf. Ebenso wie der Umstand, dass aus politischen Gründen zahlreiche Angebote zur Prävention und Schadensminderung nicht oder nur regional begrenzt verfügbar sind, wie Substitutionsbehandlung, Spritzenvergabe in Haft. Da die drogenpolitische und hilfepraktische Landschaft an vielen Stellen verbesserungswürdig ist, ist der ADSB ein wichtiges Korrektiv für die offiziellen Verlautbarungen.

Ein thematischer Schwerpunkt im neuen Bericht liegt bei der in Deutschland nach wie vor verbotenen Droge Cannabis. Warum tut sich die Bundesregierung in Sachen Legalisierung so schwer, obwohl jüngst Kanada und zuvor selbst Teile der USA Cannabis legalisiert haben?

In den besagten Ländern ist die Bevölkerung in puncto Cannabis schon viel weiter als hierzulande: Deutliche Mehrheiten sind für eine legale Regulierung. In Deutschland hat sich zwar schon viel getan, auch auf der Ebene von Experten aller Professionen oder auch der Medien, aber da es bis dato noch keine Mehrheit dafür gibt, tun sich gerade konservativere Politiker damit schwer, da sie Angst haben, Wähler zu verlieren. Theoretisch gäbe es im Bundestag mit Linken, Grünen, FDP und weiten Teilen der SPD aber vermutlich schon eine Mehrheit für die legale Regulierung.

Widerspricht dieses Vorgehen nicht dem offiziellen Umgang mit Alkohol und Tabak? Schließlich sterben jährlich durchschnittlich 74.000 Menschen im Jahr aufgrund von Alkohol und rund 110.000 Menschen durch Tabak bedingt.

Das ist genau der Punkt, den wir in bislang jedem ADSB betont haben: Was Regelungen für legale Drogen betrifft, ist Deutschland Entwicklungsland. Immer noch darf auf Plakaten Werbung für Tabak gemacht werden, immer noch ist Alkohol praktisch jederzeit zu niedrigen Preisen verfügbar. Präventionsexperten sind sich einig, dass ein solcher, hauptsächlich marktwirtschaftlich orientierter Umgang ein hohes Maß an Schäden mit sich bringt. Schädlich ist aber auch auf der anderen Seite die strafrechtliche Behandlung von Konsumenten illegaler Drogen. Wir möchten statt dessen eine nach dem jeweiligen Risikopotenzial ausgerichtete, vernünftige Regulierung für alle Drogen.

In Ihrem Bericht kritisieren Sie die zunehmende Strafverfolgung. Kann staatliche Repression überhaupt ein Mittel im Kampf gegen Konsumenten von Drogen sein?

Nein. Im übrigen betonen auch konservative Politiker immer wieder, dass Konsumenten nicht verfolgt werden sollten – zumal mittlerweile weitgehend Konsens ist, dass diese Verfolgung keine positiven Auswirkungen mit sich bringt. Tatsächlich passiert aber seit Jahren das Gegenteil: 2017 ist die Zahl der »konsumnahen Delikte«, in der Regel mit Eigenbedarfsmengen, nochmals um zehn Prozent auf einen neuen Rekordwert gestiegen. Das ergibt einfach keinen Sinn.

Bernd Werse ist Leiter des sozialwissenschaftlichen Forschungsbüros »Centre for Drug Re search« an der Frankfurter Goethe-­Universität

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