Aus: Ausgabe vom 28.06.2018, Seite 2 / Feuilleton

»Milliardenmarkt, der geregelt werden soll«

In Kanada wird der Konsum von Cannabis legalisiert. Der Schritt könnte Signalwirkung haben. Gespräch mit Georg Wurth

Interview: Kristian Stemmler
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Gras aus dem Onlineshop: Kanada legalisiert Konsum von Cannabis für Erwachsene

Kanada ist das erste Land aus der G-7- und der G-20-Gruppe, das den Konsum von Cannabis für Erwachsene legalisiert. Eine gute Nachricht?

Das ist der nächste große Durchbruch in der weltweiten Cannabis-Debatte, das kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

Davor hatte ja bereits Uruguay als erster Staat der UNO, der aber nicht G-7- oder G-20-Mitglied ist, Cannabis freigegeben.

Uruguay war auch ein Meilenstein, weil sich da zum ersten Mal gezeigt hat, dass auch ein einzelner Nationalstaat Cannabis legalisieren kann – trotz internationaler Drogenverträge. Schon da hätte man aus deutscher Perspektive sagen können: Wenn Uruguay das kann, können wir das auch.

Ist dieser Durchbruch dem charismatischen jungen Premierminister Kanadas, Justin Trudeau, zu verdanken, der das im Wahlkampf versprochen hatte?

Sicherlich spielt das Wahlergebnis eine Rolle, aber auch die Stimmung in Kanada. Und wir sehen auch weltweit immer mehr Staaten, in denen die Mehrheit in der Bevölkerung für eine Legalisierung ist. Auch in den USA haben wir mittlerweile stabile Mehrheiten über 60 Prozent.

In wie vielen Bundesstaaten der USA ist der Stoff bislang freigegeben?

Bisher acht, die per Volksabstimmung Cannabis vollständig reguliert haben, inklusive Shops, wo Erwachsene einkaufen können. Washington D. C. zum Beispiel setzt auf eine sehr weitgehende Entkriminalisierung. Da darf man auch anbauen, verschenken, es gibt aber keine Shops.

Zurück zu Kanada. Das Gesetz soll ja erst am 17. Oktober in Kraft treten, damit die Provinzen Zeit haben, Vorkehrungen zu treffen. Wie wird das Modell aussehen?

Es wird auf ein Fachgeschäftemodell hinauslaufen. Dass man also nur in bestimmten lizenzierten Shops Cannabis kaufen kann und das wird von Provinz zu Provinz unterschiedlich organisiert, entweder werden Lizenzen an private Unternehmer vergeben für Shops, oder die Provinzen machen das in eigener Regie. Es wird in Kanada auch Onlinehandel möglich sein, natürlich mit entsprechenden Checks der Altersgrenze in den entsprechenden Portalen. Aber das ist für deutsche Ohren auch schon ein revolutionärer Vorgang, dass man im Internet sich Cannabis bestellen und nach Hause liefern lassen kann.

Wichtig ist auch noch, dass in Kanada Erwachsene künftig bis zu 30 Gramm mit sich herumtragen dürfen und insbesondere, dass pro Haushalt bis zu vier Pflanzen angebaut werden dürfen, zur Selbstversorgung.

Ein Blick auf Deutschland. Die Entwicklung in Kanada wird doch vermutlich den Befürwortern einer Regulierung von Cannabis hier Auftrieb geben?

Natürlich. Aber nicht nur hier. Das ist ein Schub für die weltweite Legalize-Debatte und hilft bei der Erstellung eigener Konzepte. Man redet nicht mehr über eine völlig theoretische Geschichte, sondern wir können uns verschiedene Modelle anschauen, in den USA, in Uruguay, in Kanada und da im Prinzip die besten Regelungen heraussuchen, um einerseits zu fairen Bedingungen für Unternehmen zu kommen, andererseits aber auch einen starken Jugend- und Verbraucherschutz installieren zu können.

Eine wichtige Begründung in Kanada ist, dass der organisierten Kriminalität die Geschäftsgrundlage entzogen werden soll. Sehen Sie das auch so?

Ja, das nennen wir ebenfalls immer wieder als wichtiges Argument. Es ist natürlich so, dass wir den Markt schon haben. Das ist kein neuer Markt, der da jetzt neben Alkohol und Zigaretten hingestellt werden soll. Wir haben Millionen von Konsumenten, die mehrere hundert Tonnen Cannabis im Jahr verbrauchen. Es ist ein Milliardenmarkt, um den es hier geht, der geregelt werden soll. Bisher überlassen wir diesen Markt komplett illegalen Strukturen mit extrem hohen Gewinnspannen, und natürlich fördert das die Kriminalität.

… und die Strafverfolgung kostet Unsummen.

Wir haben über 200.000 Strafverfahren letztes Jahr gehabt, der allergrößte Teil davon wegen konsumbezogener Delikte, das betrifft die gesamte Gesellschaft. Alle Konsumenten werden vom Staat verfolgt, und das kostet den Staat jedes Jahr Milliarden, mal abgesehen von den Steuereinnahmen, die er sich mal eben entgehen lässt. Und dieses Geld wäre in der Säule Prävention und Behandlung viel besser aufgehoben.

Georg Wurth ist Geschäftsführer des Deutschen Hanfverbands

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