Aus: Ausgabe vom 27.06.2018, Seite 4 / Inland

Neuer Verdacht

NSU-Prozess: Letztes Wort der Angeklagten steht bevor – vier wollen sich äußern. Brisante Zeugenaussage zu Anschlag in Nürnberg bekanntgeworden

Von Claudia Wangerin
NSU_Terroristen_Fahn_33792726.jpg
Erst nach dem Tod von zwei Mitgliedern wurde großflächig nach Hinweisen auf das NSU-Kerntrio gesucht

Die meisten Prozessbeobachter erwarten keine bahnbrechenden Enthüllungen, wenn Beate Zschäpe im Münchner NSU-Prozess das letzte Wort erteilt wird. Ihr Anwalt Mathias Grasel kündigte am Dienstag laut Nachrichtenagentur dpa eine rund fünfminütige Erklärung seiner Mandantin an. Auch die Mitangeklagten Ralf Wohlleben, Holger Gerlach und Carsten S. wollen sich äußern – nur nicht der Mitangeklagte André Eminger.

Gegen dessen Frau wurde am Dienstag ein seit 2013 bestehender Verdacht bekannt. Susann Eminger ist im NSU-Prozess nicht angeklagt, aber eine von neun weiteren Beschuldigten, gegen die wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung ermittelt wurde oder wird. Ein Betroffener des mutmaßlichen NSU-Anschlags mit einer Taschenlampenbombe 1999 in Nürnberg soll Susann Eminger 2013 auf einem von mehreren Fotos wiedererkannt haben, die ihm das Bundeskriminalamt vorgelegt habe. Der türkeistämmige Pächter der damals zerstörten Nürnberger Kneipe »Sonnenschein« habe mit Blick auf Susann Eminger gesagt, »dieses Mädchen« komme ihm »dermaßen bekannt vor« und gehe ihm nicht mehr aus dem Kopf, berichteten die Nürnberger Nachrichten und der Bayerische Rundfunk (BR) am Dienstag. Das Rechercheteam hatte demnach selbst mit dem Zeugen gesprochen.

Dieser womöglich erste NSU-Anschlag ist in der Anklageschrift nicht aufgeführt, da erst vor Gericht durch die Aussage des Mitangeklagten Carsten S. ein Bezug zu der Gruppe hergestellt wurde. Die untergetauchten Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hatten im Gespräch mit dem jungen S. um die Jahrtausendwende auf eine solche Sprengfalle angespielt.

Weitere Anklagepunkte können aber während der Hauptverhandlung nur in Ausnahmefällen und mit Zustimmung der Angeklagten hinzugefügt werden. Inwieweit dem Verdacht gegen Susann Eminger nachgegangen wurde, ist nicht bekannt. Über den Stand laufender Ermittlungen geben Bundeskriminalamt und Bundesanwaltschaft in der Regel keine Auskunft.

Auf Antrag der Verteidigung von Beate Zschäpe wurde am Dienstag nach Abschluss der Plädoyers noch ein Brandsachverständiger gehört – allerdings nicht mit dem gewünschten entlastenden Ergebnis. Es ging um das Feuer, das Zschäpe nach dem Tod ihrer Untergrundgefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt legte, um die gemeinsame Wohnung in Zwickau zu zerstören und Beweismittel zu vernichten. Hätte die Feuerwehr nur wenige Minuten später eingegriffen, hätten die Flammen auch die Wohnung der betagten Nachbarin Zschäpes erfasst, sagte der Sachverständige laut dpa-Bericht. Die Verteidiger Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm hatten dafür plädiert, Zschäpe lediglich wegen einfacher Brandstiftung zu einer moderaten Gefängnisstrafe zu verurteilen, die durch die Untersuchungshaft von sechseinhalb Jahren bereits verbüßt sein dürfte. Die Bundesanwaltschaft sieht die Brandstiftung dagegen als versuchten Mord, weil Zschäpe damit den Tod von drei Menschen in Kauf genommen habe, darunter den der Nachbarin. Bei der Gesamtstrafenbildung dürfte aber auch das eine untergeordnete Rolle spielen, wenn sie als Mittäterin bei zehn vollendeten Morden, zwei Sprengstoffanschlägen in Köln und mehreren Raubüberfällen verurteilt wird. Die Bundesanwaltschaft hat für sie eine lebenslange Haftstrafe und Sicherungsverwahrung gefordert. Ihre drei Altverteidiger verlangten in allen Anklagepunkten außer der Brandstiftung Freispruch. Zschäpe sei nicht Mitglied in einer terroristischen Vereinigung, sondern lediglich in einer Wohngemeinschaft gewesen, hatte Sturm vergangene Woche erklärt. Zschäpe sei auch nur verwechselt worden, als ein Wachpolizist sicher war, sie beim Auskundschaften der Berliner Synagoge in der Rykestraße im Mai 2000 gesehen zu haben, so Sturm. Es sei schließlich gar nicht ihr Kleidungsstil gewesen, was der Zeuge beschrieben habe. Dabei war dessen Erinnerung »frisch« gewesen, als er sie erstmals zu Protokoll gegeben hatte: Am Tag, nachdem er am Vorabend Fahndungsfotos der damals gesuchten Jenaer »Bombenbastler« in der MDR-Sendung »Kripo live« gesehen hatte.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Wieviel Staat steckt im NSU? Der Prozeß gegen Beate Zschäpe und die Rolle des Verfassungsschutzes

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland