Aus: Ausgabe vom 26.06.2018, Seite 7 / Ausland

Anschlag im Wahlkampf

Attentat auf Kundgebung des Präsidenten von Simbabwe. Emmerson Mnangagwa unverletzt. Spekulationen über Hintergründe

Von Simon Miller, Harare
Zimbabwe_Explosion_57781471.jpg
Nach der Explosion werden am Samstag in Bulawayo Verletzte versorgt

In Simbabwe soll am 30. Juli ein neuer Präsident gewählt und damit die Übergangsphase nach dem Sturz des früheren Staatschefs Robert Mugabe im vergangenen November abgeschlossen werden. Als Favorit geht der amtierende Präsident Emmerson Dambudzo Mnangagwa, der in den lokalen Medien nur »ED« genannt wird, ins Rennen.

Bei einer Wahlkampfkundgebung des Politikers, der unter Mugabe zwischen 2014 und Anfang November 2017 das Amt des Vizepräsidenten innehatte, explodierte am Samstag im White-City-Stadion von Bulawayo ein Sprengsatz. Bulawayo ist die zweitgrößte Stadt Simbabwes und gilt als Hochburg der Opposition. Zu dem Anschlag bekannte sich bislang niemand, und so gibt es bislang nur Spekulationen über die Urheber.

Medienberichten zufolge ging die »Bombe« nur ein paar Zentimeter vom Präsidenten entfernt hoch. Auf Fernsehbildern ist zu sehen, wie es am Rande der Bühne eine Explosion gibt und Rauch aufsteigt, als der Kandidat gerade seinen Auftritt beendet. Der 75jährige sei jedoch unverletzt geblieben, während nach Angaben des regierungstreuen Blattes The Herald acht seiner Mitstreiter von Splittern getroffen wurden und ambulant behandelt werden mussten.

»ED« erklärte kurz nach dem Zwischenfall, dass die Wahlkampagne bislang in einer »freien und friedlichen Atmosphäre« verlaufen sei. »Wir werden nicht zulassen, dass uns diese hinterhältige Tat auf dem Weg zu den Wahlen aufhält. Bleiben wir vereint und regeln wir unsere Differenzen auf friedliche Art.« Die stärkste Reaktion auf Gewalt sei Frieden, die stärkste Antwort auf Hass die Liebe.

Mnangagwa war im November 2017 nach dem vom Militär eingefädelten Sturz Mugabes an die Macht gekommen. Dieser hatte das südafrikanische Land seit dem Ende der weißen Minderheitsherrschaft unter Ian Smith im Jahre 1980 mit eiserner Hand regiert. Die Entmachtung des 94jährigen war landesweit begrüßt worden. »ED« hatte Mugabe jedoch über Jahrzehnte als Minister und zuletzt als Stellvertreter gedient.

Oppositionsführer Nelson Chamisa, der als Spitzenkandidat der »Bewegung für demokratischen Wandel« (MDC) bei den Wahlen antritt, bekundete seine Anteilnahme mit den Verletzten und unterstrich: »Gewalt darf keinen Platz in unserer Politik haben. Möge Gott das Land, das wir alle lieben, segnen und behüten.«

Während die Polizei bislang keine Festnahmen von Verdächtigen melden konnte, wird vor allem im Internet wild über die Drahtzieher spekuliert. Stecken Armeekreise dahinter, die Wahlen ablehnen und ein verdecktes Mitregieren der Generäle bevorzugen? Versuchen abgetakelte, nach Mugabes Abgang in Abseits geschobene Elemente aus der Regierungspartei ZANU-PF ihr Süppchen zu kochen? War es es ein sinnloser Verzweiflungsakt der Opposition? Oder hat »ED« vielleicht alles selbst inszeniert, um die Ausrufung des Ausnahmezustands vorzubereiten und die Wahlen auf den Sanktnimmerleinstag verschieben zu können?

Am 30. Juli soll nicht nur über den Staatschef entschieden werden. Zugleich finden Wahlen zum nationalen Parlament sowie zu den Land- und Stadträten statt. Bislang sitzen auf allen Ebenen Vertreter der ZANU-PF an den Hebeln der Macht. Doch große Teile der Bevölkerung hoffen auf einen demokratischen Wandel, den sie nur durch einen Wechsel an der Staatsspitze für möglich halten. 23 Kandidaten haben sich für das Präsidentenamt und mehr als 130 politische Parteien für die Parlamentswahlen registrieren lassen. 5,6 Millionen Bürger haben sich in die Wählerlisten eingetragen, darunter auffällig viele junge Menschen, die zum ersten Mal an einer Abstimmung teilnehmen können. Mnangagwa hat ein freies, faires und transparentes Votum unter internationaler Beobachtung versprochen.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Debatte

Artikel empfehlen:

  • Beitrag von Alexander K. aus L. (25. Juni 2018 um 20:04 Uhr)

    Als damaliger Sicherheitsminister war Mnangagwa wesentlich für die Massaker an Ndebele Anfang der 80er Jahre mitverantwortlich. Es ging dabei 1. um einen persönlichen Konflikt zwischen Präsident Mugabe und seinem Konkurrenten Nkomo, 2. um einen ethnischen Konflikt zwischen Shona, auf die sich Mugabe stützte, und Ndebele, der Hausmacht von Nkomo, und 3. um einen Konflikt um die pro-chinesische Orientierung von Mugabes ZANU und der pro-sowjetischen Orientierung von Nkomos ZAPU. Dass diese Konflikte gewaltsam ausgetragen wurden, war eine schwere Hypothek für das junge Simbabwe. Das dürfte gerade in Bulawayo, einem Siedlungsgebiet der Ndebele, nicht vergessen sein. So manch einer könnte da in Versuchung gekommen sein, eine alte Rechnunbg zu begleichen.

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland
  • Argentiniens Gewerkschaften protestieren gegen Regierungspolitik
  • EU verhängt weitere Sanktionen gegen Venezuela. Wirtschaftskrieg verhindert Importe
    André Scheer
  • Sri Lanka: Ehemalige Kämpfer der LTTE bleiben geächtet
    Thomas Berger
  • USA: Republikaner Paul Ryan präsentiert »Kompromiss« in Migrationspolitik. Kritik von Bürgerrechtlern
    Jürgen Heiser