Aus: Ausgabe vom 25.06.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Test der »Tödlichkeit«

Die Bundeswehr beteiligt sich am Marinemanöver »Rimpac 2018« im Pazifik. Im Visier stehen China und Russland

Von Jörg Kronauer
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Pazifische Machtdemonstration: Der Flugzeugträger USS Carl Vinson verlässt San Diego, um an Rimpac teilzunehmen (18. 6.)

Es ist das größte Marinemanöver der Welt: »Rimpac 2018«, eine von der U. S. Navy geführte Seekriegsübung, die an diesem Mittwoch beginnt. Rimpac ist die Abkürzung für »Rim of the Pacific« (Rand des Pazifiks, jW). Der Name rührt daher, dass die Vereinigten Staaten in das Manöver, das sie seit 1971 regelmäßig vor Hawaii durchführen, vor allem Anrainer des Pazifischen Ozeans einbeziehen. Gestartet mitten im Kalten Krieg als antikommunistische Machtdemonstration gegen die Sowjetunion und die Volksrepublik China, dient die Übung heute vor allem dazu, in der Rivalität mit Beijing den Hegemonialanspruch der USA im Stillen Ozean zu markieren. Hat Rimpac einst als Manöver der USA mit vier besonders engen Verbündeten begonnen – Kanada, Australien, Neuseeland, Großbritannien –, so ist es im Laufe der Zeit stark gewachsen. Dieses Jahr nehmen über 25.000 Soldaten aus 26 Staaten mit 47 Schiffen, fünf U-Booten und mehr als 200 Luftfahrzeugen daran teil. Zum zweiten Mal seit 2016 ist die Bundeswehr mit dabei.

Was treibt die Bundeswehr im Pazifischen Ozean? Nun, zunächst einmal beteiligt sie sich an einem vielfältigen und anspruchsvollen militärischen Trainingsprogramm. Laut Auskunft der U. S. Navy soll »eine große Bandbreite« an Operationen geübt werden: von klassischer Katastrophenhilfe über »maritime Sicherheitsoperationen« bis hin zu komplexer Kriegführung. Amphibische Operationen, Schießtraining, Übungen zur U-Boot- und zur Luftabwehr, Piratenbekämpfung, Minenräumen, Tauch- und Rettungsoperationen – an alles ist gedacht. Deutsche Marinesoldaten werden sich nur an einem kleinen Teil der Übungen beteiligen, aber immerhin. Man wolle mit Rimpac die »Letalität« (Tödlichkeit), die »Resilienz« (Widerstandsfähigkeit) und die »Agilität« (Beweglichkeit) der beteiligten Marinen optimieren, teilt die U. S. Navy mit: Dies sei nötig, um »Aggressionen größerer Mächte auf allen Konfliktfeldern und -ebenen abzuschrecken und abzuwehren«.

Aggressionen größerer Mächte? Von den Staaten, die in der Weltpolitik eine wirklich bedeutende Rolle spielen, sind nur zwei nicht an Rimpac beteiligt: Russland und China. Russland nahm 2012 zum ersten Mal teil, wurde aber schon 2014 – der Machtkampf um die Ukraine war eskaliert – wieder ausgeladen. China wurde 2014 und 2016 in Rimpac eingebunden; allerdings störten sich schon damals nicht wenige in Washington an dem Versuch der Obama-Administration, angesichts des eskalierenden Konflikts im Südchinesischen Meer das Großmanöver im Pazifik zu nutzen, um die Beziehungen ein wenig zu verbessern. Damit ist es nun vorbei. Washington hat Beijing Ende Mai kurzfristig ausgeladen und das offiziell mit dem Konflikt im Südchinesischen Meer begründet. Weil China dort auf einigen Riffen militärische Einrichtungen baue, werde man Rimpac von nun an ohne die chinesische Marine durchführen, erklärte US-Verteidigungsminister James Mattis am 2. Juni beim diesjährigen »Shangri-La Dialogue«, einer in Singapur abgehaltenen außen- und militärpolitischen Konferenz, die inzwischen als asiatisches Gegenstück zur »Münchner Sicherheitskonferenz« gilt.

China nimmt an Rimpac also nicht mehr teil, dafür wird in diesem Jahr zum ersten Mal Vietnam eingebunden – das Land also, mit dem die Vereinigten Staaten noch Krieg führten, als sie 1971 das Manöver zum ersten Mal abhielten. Vietnam ist, nach Japan, einer der schärfsten Rivalen Chinas in Asien. Beide Länder führten zuletzt 1979 gegeneinander Krieg, und noch 1988 kam es zu einem heftigen Seescharmützel mit mehr als 60 Todesopfern, als Beijing und Hanoi sich über ein Riff der Spratly-Inseln in die Haare gerieten. »Die USA betrachten Vietnam als potentielles Gegengewicht zu Chinas Dominanzstreben in Südostasien, vor allem im Südchinesischen Meer«, erläuterte Ende Mai das US-Militärblatt Stars and Stripes. So komme es, dass Washington »sein Embargo für den Verkauf tödlicher Waffen an Vietnam im Jahr 2016 aufgehoben« und dass in diesem Frühjahr erstmals ein US-Flugzeugträger einen Hafenbesuch in Vietnam unternommen habe. Nun nehmen die Streitkräfte des Landes also auch an Rimpac teil.

Und nicht nur sie: Auch Indien ist mit Marineeinheiten vertreten. Westliche Strategen zielen schon lange darauf ab, die traditionelle Konkurrenz der beiden größten asiatischen Mächte zu nutzen, um Neu-Delhi gegen Beijing in Stellung zu bringen. Ob das gelingt, ist noch lange nicht ausgemacht. Indien besteht bisher auf Unabhängigkeit. So ist es im vergangenen Jahr der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) beigetreten, einem auch militärpolitisch aktiven Bündnis um China und Russland. Die Beteiligung an Rimpac zielt nun aber in eine andere Richtung. Indische Beobachter notierten aufmerksam, die indische Marine werde sich im Rahmen des Manövers an der Seite von Truppen nicht nur der USA, sondern auch Japans und Australiens bewegen. Diese vier Staaten sind – unter der Bezeichnung »Quad« (Quadrilateral Security Dialogue) – seit einiger Zeit über eine engere Militärkooperation im Gespräch. Entsprechend ist in Washington immer öfter nicht von »asiatisch-pazifischer«, sondern von »indo-pazifischer Sicherheit« die Rede.

Ob’s bei alledem ein Zufall war, dass deutsche Marinesoldaten im Rahmen von Rimpac 2016 an einer Übung teilnahmen, bei der eine Insel von einer – laut Manöverszenario – »radikalen Miliz« namens Draco »befreit« werden sollte? Draco ist ein lateinisches Wort, es heißt auf deutsch Drache, und dieser gilt als Symbol für China.

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