Aus: Ausgabe vom 23.06.2018, Seite 4 (Beilage) / Fotoreportagen

Atemlos in L’Aquila

Im Herzen der Abruzzen klafft seit dem Erdbeben 2009 eine offene Wunde

Von Martina Zaninelli
Nach fast einem Jahrzehnt war es für viele Häuser bereits zu spät für eine Sanierung, sie mussten abgerissen und neu gebaut werden
Der eigentliche Wiederaufbau begann erst nach den erneuten Erdbeben von 2016 in Mittelitalien
Keine Seltenheit in der Hauptstadt der Abruzzen: Die Einrichtung der Wohnungen ist noch vorhanden, doch niemand lebt mehr in ihnen.
Im November 2016 begann die Wiederherstellung des berühmten, aus dem 13. Jahrhundert stammenden Palazzo Margherita. Das Zentrum von L’Aquila ist reich an mittelalterlicher Bausubstanz
Ab 7 Uhr morgens geht das Hämmern, Bohren, Streichen und Betonieren los – hier Bauarbeiter während der Mittagspause
Teile der Innenstadt gelten als »Gefahrengebiet«, in dem sich seit April 2009 niemand Unbefugtes mehr aufhalten darf
Die Innenstadt prägen leere Straßen, Bauzäune, Kräne und Transportfahrzeuge. Früher pulsierte hier das Leben

Am 6. April 2009 um 3.32 Uhr bebte die Erde unter L’Aquila, Hauptstadt der Region Abruzzen in Mittelitalien, forderte Opfer und verursachte immense Schäden: 309 Menschen starben, etwa 1.200 wurden verletzt. Tausende Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf. Ungefähr 15.000 Gebäude in L’Aquila und Umgebung nahmen Schaden. Die historische Innenstadt, Mittelpunkt des sozialen Lebens, wurde fast komplett zerstört und blieb als »Gefahrengebiet« jahrelang abgesperrt. Soldaten mit umgehängten Maschinengewehren patrouillierten hier.

In den Jahren danach folgte ein Skandal dem anderen: Silvio Berlusconi, bis 2011 Ministerpräsident Italiens, machte L’Aquila zu seinem politischen Bauplatz. Staatliche Gelder flossen in fragwürdige Projekte und in die Taschen von Investoren, die sich am Telefon zum Erdbeben beglückwünschten. Auch die Camorra verdiente bei den Aufträgen für den Wiederaufbau mit. Die Einwohner hingegen waren schon nach ein paar Monaten mit ihren Sorgen und Nöten allein gelassen worden.

Seit bald einem Jahrzehnt gibt es in L’Aquila keinen zentralen Ort mehr, wo sich die Leute treffen können. Nach dem Erdbeben wurden zwar zahlreiche neue Häuser gebaut. Kilometer entfernt von der Stadt entstanden kleine anonyme Neusiedlungen und Einkaufszentren. Der Besitz eines Autos wurde notwendig, um die einfachsten Sachen zu erledigen. Die Innenstadt wurde zu einem verlassenen Ort.

Erst vor kurzem wurde der Wiederaufbau des Zentrums tatsächlich in Angriff genommen. Da öffentliche Mittel fehlen, werden nur die Häuser saniert, deren Eigentümer es sich leisten können. Mittlerweile ist die historische Innenstadt eine großflächige Baustelle. Überall wird gebohrt, gehämmert und gestrichen. Die Straßen füllen sich zeitweise wieder mit Menschen, doch sind dies nicht die früheren Einwohner, sondern Bauarbeiter, Ingenieure, Restauratoren. Die Stadt gleicht von Tag zu Tag immer mehr einer Filmkulisse: schöne Häuser, herumhängende Kabel, Plastikplanen zum Schutz erneuerter Fenster und Türen. Nur leben tut hier niemand. Es ist eine Stadt, die nicht atmet. Auf Schritt und Tritt spürt man in den leeren Gassen von L’Aquila beklemmend das Versagen von Staat und Politik.

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