Aus: Ausgabe vom 23.06.2018, Seite 11 / Sport

Wilder Westen

Wer füsiliert die FIFA-Folklore? Gruppe H

Von André Dahlmeyer
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Die Auszeit ist zu Ende: Die »Löwen von Teranga« bejubeln das 2:1 gegen Polen (19.6.)

Die Gruppe H galt vor der WM als die einzige, die bei den Fachleuten der flinken Feder als komplett vernachlässigenswert eingestuft wurde, als »FIFA-Folklore«, um irgendwie die Gruppen vollzubekommen. Niemand glaubte ernsthaft daran, das eines dieser Fast-Teams das Achtelfinale überleben könnte, in das zwei abgeschoben werden. Medial aufgewertet wird die Gruppe H allein dadurch, dass sie eine sogenannte »Todesgruppe« ist: Jeder kann jeden schlagen, und wer am Ende am effektivsten nach unten getreten hat, darf in der K.-o.-Runde von einer Todesschwadron der Gruppe G füsiliert werden. Und alles kommt live im Fernsehen, das ist wichtig, denn daran verdient die Züricher Sekte.

Von der Existenz eines Landes namens Senegal hörte man im Wilden Westen, also westlich von Oder und Neiße, erstmals im Jahre 2002 – aus dem fernen Asien und per beweglicher Bilder. Gerade erst waren die Senegalesen ungeschlagen Zweiter bei der Afrikameisterschaft geworden (das Finale in Mali hatte Kamerun im Elfmeterschießen für sich entschieden), und schon rockten sie die FIFA-Spiele, eliminierten Weltmeister Frankreich, Uruguay und Schweden. Erst ein Golden Goal der waidwunden Türken machte den »Löwen von Teranga« im Viertelfinale den Garaus. Sie wurden Siebter. Ist jemals ein Debütant besser in eine WM gestartet?

Der damalige Trainer, der Franzose Bruno Metsu, galt im Senegal zunächst als »Bonvivant«. Rasch wurde er wie ein Guru verehrt. Man hängte dem Franzosen sogar den Verdienstorden des Landes um. Bis 2013 hatte er vermutlich Spaß daran, dann ging er von uns.

Das senegalesische Nationalteam nahm sich eine drei Weltmeisterschaften währende Auszeit, nur unterbrochen von den Olympischen Spielen 2012 in London, als die Kicker erst nach dem Viertelfinale zu Mutti an den Strand durften.

Vor drei Jahren löste Aliou Cissé einen meiner All-Time-Player, Alain Giresse, als Trainer der Löwen ab. Cissé ist heuer der Pékerman Senegals und war 2002 der Abwehrchef. Der Senegal qualifizierte sich für Russland durch einen 2:0-Sieg in Südafrika »frühzeitig«. In Wirklichkeit war dieses Match ursprünglich ein Jahr zuvor in Polokwane mit 2:1 verlorengegangen. Dieses Resultat wurde erst ein Jahr darauf wegen Schiebung annuliert und der damalige Schiri, Joseph Lamptey (Ghana), auf Lebenszeit gesperrt. So kann’s gehen.

Japan – Senegal 1:2

Polen – Kolumbien 0:2

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