Aus: Ausgabe vom 23.06.2018, Seite 8 / Ansichten

Ratloser des Tages: Jan Hieber

Von Kristian Stemmler
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Soko-Chef Jan Hieber auf einer Pressekonferenz im September 2017

Für esoterische Begriffe wie »Genius Loci« haben Linke oft wenig übrig. Aber vielleicht ist doch was dran an der Behauptung, der Geist, die Atmosphäre eines Ortes verändere Menschen. Die Worte von Jan Hieber am Donnerstag abend vor dem G-20-Sonderausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft sind ein Indiz dafür. Hieber ist Chef der Sonderkommission (Soko) »Schwarzer Block«, die kurz nach dem Treffen von Staats- und Regierungschefs der G-20-Länder in der Hansestadt ausgerechnet in die ehemalige Gefangenensammelstelle (Gesa) im Stadtteil Neuland zog. Während des Gipfels im Juli 2017 war es dort darum gegangen, »linkem Gesocks« zu zeigen, was passiert, wenn man die Klappe aufreißt: tagelanges Eingesperrtsein in winzigen Zellen mit Dauerneonlicht bei Knäckebrot und Wasser.

Dass Hiebers Truppe sich ausgerechnet dort einquartierte, um europaweit Steine- und Flaschenwerfer zu jagen, scheint keine gute Idee gewesen zu sein. Denn die Aussage des Polizisten vor dem Ausschuss ließ Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit aufkommen. Einerseits kritisierte er das Vorgehen der dort eingesetzten Kollegen: Die elek­tronische Überwachung habe nicht funktioniert, viele Gefangene hätten keine Matratze bekommen und seien zu lange festgehalten worden, zwei Drittel hätten sich für Durchsuchungen vollständig entkleiden müssen. Andererseits ist das alles für Hieber »unerklärlich«. »Gerade die Planer« der Gesa, aber auch diejenigen, die »das dann verantwortlich durchgeführt haben«, ärgerten sich »wirklich ungemein«, dass Dinge nicht umgesetzt worden seien und »auch nicht gegengesteuert werden konnte«, sagte der Soko-Chef. Schikane und Demütigung von Inhaftierten waren demnach quasi eine Art Naturereignis. Vermutlich war die Hitze schuld. Oder Aliens haben in jenen Tagen das Kommando über die Hirne der Beamten übernommen.

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