Aus: Ausgabe vom 23.06.2018, Seite 8 / Inland

»Wir haben weder Rassisten noch Neoliberale!«

Erfolgreiche Zwischenbilanz: Die Linke NRW lädt zum Landesparteitag. Ein Gespräch mit Alev Demirel

Interview: Markus Bernhardt
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Ran an die Massen: Die Linke in NRW will ihre Verankerung in der Bevölkerung ausbauen

Die nordrhein-westfälische Linke führt am kommenden Wochenende ihren Landesparteitag in Kamen durch. Sie kandidieren nicht mehr als Landessprecherin. Warum?

Seit 2014 war ich in diesem Amt tätig, und das mit Leidenschaft. Jetzt wollte ich eine neue Herausforderung. Zudem haben wir so viele tolle Genossinnen und Genossen, dass es guttut, wenn niemand auf seinem Posten klebt. Aber leicht war die Entscheidung nicht.

Wie fällt die Bilanz Ihrer Arbeit aus?

Nach dem Ausscheiden aus dem NRW-Landtag 2012 war unser Landesverband stark angeschlagen. Auch 2014 waren wir noch zerrissen, und die Mitgliederzahlen sanken. Meine Aufgabe war es, diese Zerwürfnisse zu überwinden, die Partei zusammenzuführen und handlungsfähiger zu machen. Heute stellt NRW den zweitgrößten Landesverband innerhalb der Gesamtpartei. Wir sind kampagnenfähiger und werden auch in der Öffentlichkeit und den Medien stärker wahrgenommen.

Ihr Landesverband verfügt mittlerweile über mehr als 8.000 Mitglieder, hat zwölf Bundestagsabgeordnete und wirkt weitestgehend stabil. Können Sie sich zurücklehnen?

Nein. Denn unsere Partei ist kein Selbstzweck. Eine starke Linke, die Hoffnung macht auf positive Veränderungen, ist wichtiger denn je. Wir gehen durch dunkle Zeiten. Die Kriegsgefahr steigt, die politische Rechte ist im Aufwind, Armut hat sich für viele Menschen verfestigt, und das Niveau an Klassenkämpfen ist auf niedrigem Niveau. Wenn wir hieran etwas verändern wollen, muss Die Linke in der Lage sein, Menschen in ihren Kämpfen zu unterstützen und konkrete Kämpfe mit aufzubauen. Einen Menschen zu überzeugen, ein Herz zu gewinnen, ist harte Arbeit. Ihn wieder zu verlieren, geht dagegen unglaublich schnell.

Eben. Die Bundespartei streitet über ihre zukünftige Flüchtlingspolitik und hat auf ihrem vergangenen Bundesparteitag in Leipzig ein politisch zutiefst zerstrittenes Bild abgegeben.

Das, was Die Linke heute an Positionen in sich vereint, bilden in anderen Ländern mehrere Parteien ab. Es ist also nicht einfach, die Partei zusammenzuhalten. Wenn es inhaltliche Differenzen zu den bisherigen Positionen gibt, dann müssen sie in die Gremien eingebracht und diskutiert werden. Gute Funktionäre müssen in der Lage sein, sich den gemeinsamen Zielen unterzuordnen. Wenn Die Linke jetzt an sich selbst zerbrechen würde, hätte das fatale Auswirkungen. Ich habe schon immer dafür geworben, inhaltliche Auseinandersetzungen auch inhaltlich zu führen, ohne Personalisierungen und Verletzungen. Deshalb sage ich auch: Wir haben weder Rassisten und Nationalisten in unseren Reihen noch Neoliberale!

Dennoch ist wieder die Rede vom Hass, der unter den verschiedenen Protagonisten des Streites und ihren jeweiligen Anhängern herrschen soll. Wird es der NRW-Linken gelingen, den Landesverband zusammenzuhalten?

Hinter den Kulissen brodelt es schon. Bisher haben wir es in NRW geschafft, dass uns die Konflikte auf Bundesebene nicht schwächen. Ich beobachte aber, dass die Konflikte auch hier hineingetragen werden. Die kommende Doppelspitze wird gefordert sein, den Laden zusammenzuhalten und sich auch mal zurückzunehmen.

Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Inge Höger kandidiert als Ihre Nachfolgerin. Welchen Ratschlag haben Sie für sie?

Ja, sie und mein bisheriger Kosprecher Christian Leye kandidieren. Inge als erfahrene Genossin weiß, dass es kein leichter Job wird und sie vor der Herausforderung steht, die Partei zusammenzuhalten.

Werden Sie sich aus der aktiven Politik verabschieden, oder wird man auch künftig von Ihnen hören?

Ich bin Tochter einer politischen Flüchtlingsfamilie. Mein Vater hat mir von klein auf beigebracht, immer für meine Überzeugungen einzustehen. Meine Mutter hat mir beigebracht, was Empathie bedeutet. Seit meiner Kindheit handle ich politisch. Ich kann gar nicht unpolitisch sein. Ob Sie was von mir persönlich hören, kann ich nicht beantworten, aber da, wo Menschen sich organisieren und einstehen für Menschlichkeit, Frieden und soziale Errungenschaften, bin ich dabei.

Özlem Alev Demirel ist Landessprecherin der Linkspartei in Nordrhein-Westfalen

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