Aus: Ausgabe vom 20.06.2018, Seite 8 / Ausland

»Die Camps sind nicht abgeschottet«

Flüchtlinge können sich in Uganda frei bewegen. Es fehlt ihnen aber an finanzieller Hilfe. Ein Gespräch mit Jennifer Bose

Interview: Gitta Düperthal
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Auch eine Flüchtlingskrise: Kongolesen im ugandischen Lager Kyangwali (19. März 2018)

Sie haben in Kyangwali, einem Flüchtlingscamp in Uganda, in dem inzwischen rund 58.000 Flüchtlinge leben, Hilfe geleistet. Gewalt im Kongo zwingt ständig weitere Menschen zur Flucht in den Nachbarstaat Uganda. Wie ist die Lage vor Ort?

Ich habe zwei Wochen in Kyangwali geholfen und mir ein Bild machen können. Es ist das zweitgrößte Camp in Uganda. Seit Februar gab es einen neuen Gewaltausbruch zwischen bewaffneten Gruppen im Kongo. In der Provinz Ituri im Osten sind brutale Kämpfe aufgeflammt. Viele Kongolesen hatten sich daraufhin in ihrer Not über den Albertsee nach Uganda gerettet. Die Mehrzahl der neuerlich Geflüchteten kam in dieses Camp. Die meisten mussten innerhalb von Minuten fliehen und alles, was sie besaßen, zurücklassen. Sie hatten nur ihr Leben retten können. Wie so oft sind Frauen und Mädchen am schlimmsten betroffen. Viele haben sexuelle Gewalt erfahren oder erhielten nicht genug Lebensmittel, um sich und ihre Kinder zu ernähren. Die Hilfsorganisation Care, für die ich tätig bin, hat Frauenzentren im Lager errichtet. In der kongolesischen Gesellschaft ist eine stark patriarchalische Kultur verankert. Frauen haben kaum Rechte, auch nicht in der Flüchtlingsgemeinschaft. Wir haben die Zentren zu ihrem Schutz eingerichtet, auch damit sie Gewalterfahrungen und seelische Verletzungen verarbeiten können.

Wie wird in Uganda im Vergleich zu Deutschland mit den Flüchtlingen umgegangen?

Uganda ist großzügig, was die Geflüchteten angeht. Sie bekommen Land zugewiesen, wo sie wohnen und Landwirtschaft betreiben können. Sie haben das Recht, sich innerhalb des Landes frei zu bewegen. Die Camps dort sind nicht abgeschottet, wie in anderen Ländern. Uganda macht vorbildliche Flüchtlingspolitik, es fehlt aber eine ausreichende Finanzierung. Die Flüchtlinge erhalten Essen, oft reicht es aber nicht bis zum Ende des Monats. Mitunter bilden sich Schlangen vor der Essensausgabe. Angesichts des Andrangs gibt es nicht genug Toiletten und Waschgelegenheiten – auch nicht für Männer und Frauen getrennt. Frauen gehen sich deshalb oft nachts waschen, um Privatsphäre zu haben – es ist aber auch riskant.

Gibt es das Recht auf Arbeit für Geflüchtete nur theoretisch – oder ist eine Erwerbsmöglichkeit tatsächlich zu finden?

Uganda ist ein armes Land. Geflüchtete versuchen, sich mit kleinen Shops in den Camps selbständig zu machen, Getränke oder Snacks zu verkaufen. Die meisten sind dennoch abhängig von Hilfsgütern. Was sie erwirtschaften, reicht einfach nicht aus.

Leben die Flüchtlinge in Zelten oder haben sie Häuser zur Verfügung?

Sie bauen Hütten aus Bambusrohr oder Lehm, manche leben in Zelten. Man hilft sich gegenseitig. Die Frauen sind jedoch mitunter so sehr an Gewalt gewöhnt, dass es erst der Aufklärung bedarf, dass dies keine normale Lebenssituation ist. Wir informieren darüber, wo sie sich Hilfe holen können; leiten sie an Krankenhäuser und Beratungsstellen weiter.

Was also ist zu tun?

Wichtig ist, dass sich die politischen Parteien auf diplomatischem Weg einsetzen, die Kriegsparteien im Kongo an einen Tisch zu bringen. Damit es endlich zum Frieden kommt. Humanitäre Hilfe für die dort noch verbliebenen Menschen ist ebenso zu gewährleisten, wie für die nach Uganda Geflüchteten. Deutschland steht in der Verantwortung, sich im Rahmen der internationalen Hilfe stärker zu beteiligen.

Was erwarten Sie von der Bundesregierung?

Alle Hilfsorganisationen arbeiten mit der ugandischen Regierung zusammen. Wir kooperieren mit den Krankenhäusern und anderen Institutionen dort, um die Frauen zu schützen. Wenn man das Leid vor Ort sieht, wird klar: Deutschland muss mehr investieren.

Die Finanzierung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung also reicht nicht?

Wir brauchen unbedingt mehr Geld. Von den erforderlichen drei Millionen Euro, um dringend notwendige Unterstützung zu leisten, haben wir bislang nur 200.000 erhalten; also knapp sieben Prozent. Jederzeit kann es zu einem neuen Flüchtlingstreck kommen. Care und die anderen Organisationen sind wegen mangelnder Finanzen darauf nicht vorbereitet. Die Flüchtlinge haben keine Zukunftsperspektive. Sie wissen nicht, ob sie jemals wieder in den Kongo zurückkehren können.

Jennifer Bose ist Nothelferin bei der Organisation »CARE Deutschland-Luxemburg e.V.«

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