Aus: Ausgabe vom 20.06.2018, Seite 2 / Ausland

Millionen Menschen auf der Flucht

Arme Länder am meisten betroffen. Italiens Regierung schürt Hass

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Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR betreut weltweit Millionen Menschen

Noch nie sind auf der Welt durch Krisen, Kriege und Konflikte so viele Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen worden wie 2017. Insgesamt gab es weltweit 68,5 Millionen Vertriebene, rund drei Millionen mehr als im Vorjahr, wie das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR am Dienstag berichtete.

UNHCR-Chef Filippo Grandi widersprach dem von Medien und Politikern geschürten Eindruck, dass die reichen Länder durch Flucht- und Migrationsbewegungen besonders betroffen seien. Drei von fünf Vertriebenen fanden im eigenen Land fern der Konfliktzone Zuflucht. Von denen, die über Grenzen flohen, stammten nach Angaben des UNHCR fast 70 Prozent aus nur fünf Ländern: Syrien, Afghanistan, Südsudan, Myanmar und Somalia. »Wenn es Lösungen für diese Länder gäbe, könnten die Zahlen deutlich sinken«, sagte Grandi.

Die meisten Flüchtlinge beherbergte im vergangenen Jahr die Türkei: 3,5 Millionen Menschen, überwiegend aus Syrien, fanden am Bosporus Zuflucht. In Deutschland hielten sich nach diesen Angaben im vergangenen Jahr 970.400 Flüchtlinge auf. Die Bundesrepublik stand damit hinter der Türkei, Pakistan, Uganda, dem Libanon und dem Iran an sechster Stelle der Zufluchtsländer.

Der Europäische Gerichtshof stärkte am Dienstag die Rechte der Schutzsuchenden. Abgelehnte Bewerber um einen Flüchtlingsstatus dürfen nach einem in Luxemburg veröffentlichten Urteil nicht aus EU-Ländern abgeschoben werden, bis ein Gericht über ihren Widerspruch entschieden hat. Der Entscheidung zufolge müssen die EU-Staaten nicht nur auf die Abschiebung verzichten. Auch die Frist für eine »freiwillige« Ausreise darf noch nicht beginnen und die Betroffenen dürfen auch nicht in Abschiebehaft genommen werden.

Italiens Innenminister Matteo Salvini hat derweil angekündigt, die in Italien lebenden Angehörigen der Minderheit der Roma zählen zu lassen. Roma mit italienischer Staatsangehörigkeit werde man »leider behalten« müssen, andere könne man abschieben. Als Reaktion darauf erinnerte die nationale Roma-Vereinigung an eine Zählung der Minderheit durch Behörden im vergangenen Jahr. Senatorin Simona Malpezzi von der sozialdemokratischen PD bezeichnete den Plan Salvinis als »neueste Masche mit leicht faschistischem Anstrich«. Salvini schüre absichtlich Hass, kritisierte der Abgeordnete Federico Fornaro von der Linkspartei Liberi e Uguali. (dpa/AFP/jW)

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