Aus: Ausgabe vom 19.06.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Auf eigene Rechnung

Aktionstag der Essensauslieferer in Köln. Deliveroo in den Niederlanden verklagt

Von Gerrit Hoekman
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Könnte als Arbeitsminister eigentlich noch etwas mehr tun: Hubertus Heil beteiligt sich beim DGB-Bundeskongress an einer Aktion für bessere Arbeitsbedingungen (16.5.2018)

Die Mitarbeiter deutscher Essensauslieferer protestieren heute in Köln gegen ihre Arbeitsbedingungen. Der Aktionstag unter dem Namen »Riders Day« (Tag der Fahrer) wird von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) unterstützt. Zu der Veranstaltung wird auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) erwartet.

»Die Arbeitsbedingungen in der Branche sind höchst problematisch«, sagte der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler gegenüber dpa. Die meisten Fahrer hätten nur befristete Verträge. Dadurch fehle die Möglichkeit, Tarifverträge durchzusetzen. Viele Fahrer müssten außerdem ihre Fahrräder selber stellen, ihre Regenkleidung und das Smartphone. Gehe etwas kaputt, müssten sie dafür aufkommen. Teilweise würden sie nicht einmal mehr nach Stunden bezahlt, sondern nur nach der Zahl der Auslieferungen. Die als Subunternehmer arbeitenden Kuriere könnten sich aber keineswegs aussuchen, ob sie einen Auftrag annehmen. Die meisten Lieferdienste erwarteten, dass die Fahrer die Lieferungen der Reihe nach abarbeiten. Dabei werde genau kontrolliert, wie schnell der Bote ist. Wer beispielsweise zu oft auf die Toilette müsse, bekomme Ärger, so Zeitler.

Das Unternehmen Delivery Hero fühlt sich durch den Aktionstag nicht angesprochen. Die meisten der zirka 3.000 Fahrer der Tochtergesellschaft Foodora seien fest angestellt, sagte ein Unternehmenssprecher gegenüber dpa. Davon ausgenommen seien nur ein paar hundert Studenten, die den Job als Nebenverdienst machen. Es gäbe auch einen Betriebsrat.

In den Niederlanden haben am Freitag 15 Pizzaboten des britischen Konkurrenten Deliveroo eine Klage eingereicht, wie die Tageszeitung Het Parool berichtete. Seit dem 1. Februar beschäftigt die Firma ihre niederländischen Kuriere nur noch als Subunternehmer. Sie bekommen keinen Stundenlohn mehr, sondern werden pro Lieferung bezahlt. Besonders schlimm: Für Kranken-, Renten- und Unfallversicherung müssen sie nun selbst aufkommen.

»Deliveroo arbeitet nicht mit selbständigen Unternehmern«, sagte Willem Dijkhuizen, Vorsitzender der größten niederländischen Gewerkschaft FNV gegenüber Het Parool. Ein Unternehmer mache für gewöhnlich seine eigene Buchführung und habe mehrere Auftraggeber, veranschaulicht er die Sachlage. »Ein Deliveroo-Bote hat diesen Freiraum absolut nicht«, so Dijkhuizen.

»Deliveroo erklärt seine Kuriere für vogelfrei«, schimpfte Bart van Kent, Parlamentsabgeordneter der Sozialistischen Partei (SP), bereits im vergangenen August, nachdem Deliveroo das neue Arbeitsmodell angekündigt hatte. »Falls ein Bote für Deliveroo unterwegs ist, überfahren und arbeitsunfähig wird, geht das voll auf ihre oder seine Rechnung.«

Der Vorteil für den Lieferdienst liegt auf der Hand: Die Lohnkosten sinken deutlich. Vor dem 1. Februar konnte es einem Kurier egal sein, ob er vor einer roten Ampel warten musste, nicht auf Anhieb die Lieferadresse fand oder am Fahrrad ein Reifen platt war. Er bekam ja einen Stundenlohn. Neuerdings mindert die Wartezeit seinen Verdienst. »Diese Art von Scheinkonstruktionen, bei denen das gesamte Risiko beim Arbeitnehmer liegt, müssen schnell verboten werden«, forderte van Kent.

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