Aus: Ausgabe vom 14.06.2018, Seite 8 / Ausland

»Nicht nur Angelegenheit kleiner linker Subkultur«

Was passiert mit den Manuskripten und der Bilbiothek des großen Marxisten Georg Lukács in Budapest? Gespräch mit Agnes Erdelyi

Interview: Matthias István Köhler
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Georg Lukács auf der Tagung des Weltfriedensrates am 3. Juli 1952 in Berlin

Die Internationale Lukács-Archiv-Stiftung LANA streitet dafür, dass der Nachlass des marxistischen Philosophen in seiner alten Wohnung bleibt und dort weiter Forschungsarbeit betrieben werden kann. Jetzt hat die Ungarische Akademie der Wissenschaften MTA versprochen, dass das Archiv nach der Renovierung wiedereröffnet wird. Was ist dieses Versprechen wert?

Es wäre nicht das erste Mal im Laufe unserer Verhandlungen, dass etwas von der Akademie versprochen und dann gegensätzlich gehandelt wird. Der Präsident der Akademie, Laszlo Lovasz, hat betont, dass keine Schließung des Archivs geplant sei. Aber uns geht es darum, dass auch festgehalten wird, dass das Archiv als Forschungseinrichtung weiter betrieben wird. Das wurde neuerdings nicht einmal mehr explizit abgelehnt. Es hieß einfach nur noch, dass es heute, im Zeitalter der Digitalisierung, keine Rolle mehr spielen würde, wo geforscht wird.

Welche Mittel hat die Stiftung denn überhaupt, um ihr Ziel zu erreichen?

Die Stiftung hat keine Mittel. Wir können nur verhandeln. Zumindest die betroffenen Fachgremien der Akademie, z. B. das Philosophische Institut, haben wir überzeugen können. Die unterstützen uns. Aber mehr oder weniger war es das. Die Proteste und die Solidaritätsbekundungen in den letzten Wochen und Monaten haben uns viel geholfen. Es wäre weiterhin wichtig, dass Wissenschaftler und andere Personen nicht nur aus Ungarn sich an den Präsidenten der Akademie wenden, damit er versteht, dass es sich hier nicht nur um die Angelegenheit einer kleinen linken Subkultur handelt, sondern einen Skandal internationalen Ausmaßes. Wir glauben, dass der Präsident ehrlich ist, wenn er sagt, dass das Archiv nicht geschlossen werden soll. Leider ist er nicht für das Tagesgeschäft verantwortlich.

Wenn nicht der Präsident der Akademie, wer dann?

In erster Linie der Generaldirektor der Bibliothek Istvan Monok. Er hat bei den Verhandlungen klar gesagt, dass seiner Meinung nach das Archiv nur eine Art Gedenkstätte bilden soll. Von mir aus soll dort auch eine Gedenkstätte sein, aber das alleine macht keinen Sinn. Der Präsident hat ihn zwar während unserer Gespräche angewiesen, sein Versprechen auf der Website des Bibliotheks- und Informationszentrums der Akademie zu veröffentlichen, dort, wo die Schließung für den 1. Juni angekündigt worden war. Statt dessen war auf der Website nur vermerkt, dass nach der Renovierung in den Räumlichkeiten Fachveranstaltungen stattfinden können und dass es während der Öffnungszeiten eine Fachaufsicht geben wird. Der Begriff »Lukács-Archiv«, aber auch der Begriff »Forschungseinrichtung« wurde vermieden. Davon, dass das Material zurückkommt, ist auch nicht die Rede.

Vor einiger Zeit haben auch der Botschafter und der Kulturattaché der Bundesrepublik das Archiv besucht. Kennen Sie den Grund?

Nein, dazu habe ich keine Informationen.

Sie sagten, es müsste Solidaritätsbekundungen aus dem Ausland geben. Aber es hat doch in den letzten Jahren mehrere Onlinepetitionen und offene Briefe gegeben, haben die etwas bewirkt?

Ja, sehr viel sogar. Anfangs war ja sogar die Rede davon, dass die ehemalige Wohnung ganz anders genutzt werden könnte, vielleicht sogar verkauft wird. Dass es hier eine Wende im Denken der Akademie gegeben hat, das verdanken wir auch den Petitionen und Protesten. Es sieht ja manchmal so aus, als hätte die Stiftung mit ihren Verhandlungen nicht viel erreicht. Aber so ganz stimmt das nicht. Ich habe früher auch protestiert und Briefe geschrieben, jetzt als Vorsitzende der Stiftung ist es meine Aufgabe zu verhandeln. Solange es auch nur einen Funken Hoffnung gibt, dass wir etwas erreichen können, werden wir das tun. Dafür brauchen wir auch internationale Unterstützung.

Agnes Erdelyi ist Vorsitzende der Internationalen Lukács-Archiv-Stiftung

https://mereiszakkoli.wordpress.com/2018/05/25/1317/


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