Aus: Ausgabe vom 16.06.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die Stimme verstellen

Wer kriegt die Krise? Was Literatur politisch macht

Von Anke Stelling
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»Ich hatte Glück, weil meine Mutter Buchhändlerin war, und ich dadurch Zugang zu egal welcher Sorte Buch bekam. Ich konnte kosten, was ich mag, und dann mehr davon kriegen, ich hatte die Chance, meinen eigenen Literaturgeschmack auszubilden, was ein seltenes Privileg ist.«

Vom 7. bis zum 9. Juni diskutierten Schriftsteller, Gewerkschafter und Gesellschaftswissenschaftler im Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt in Dortmund über die »Literatur in der neuen Klassengesellschaft«. Es handelte sich um die vierte Veranstaltung der 2015 begonnenen Reihe »Richtige Literatur im Falschen«. Wir dokumentieren den Vortrag der Schriftstellerin Anke Stelling. (jW)

Letztes Jahr um diese Zeit kam ein Journalist zu mir, ein junger Mann mit blondem Haar, freundlichem Wesen und teurem, diktierfähigem Handy. Er sollte vorab über das Prosanova-Festival in Hildesheim berichten und wollte herausfinden, ob es da wohl »politisch« zugehen werde.

»Ja gewiss!« sagte ich in sein kluges Handy und freundliches Gesicht hinein, das sehe man bereits an der Auswahl der Gäste, die dort lesen und diskutieren würden: wenig etabliert, weiblich, jung, mi­grantisch. Oder mehreres davon zugleich.

»Ach so?« fragte der Journalist, und ob diese Sorte Gäste nicht eher bekenntnishaft-identitä­re Texte erwarten ließ – weil sie statt von großen politischen Themen doch wohl vor allem von sich selbst erzählen wollten.

»Ja natürlich!« sagte ich, und was sonst das Politische in der Literatur sein solle, wenn nicht die Verheißung, endlich zum Subjekt zu werden, die Macht zu übernehmen, die Deutungshoheit innezuhaben!

»Hä?« machte der Journalist und mich hernach in seiner Berichterstattung auf väterliche Weise lächerlich.

»Nabelschau als Politikum – warum eigentlich nicht?« fragte er rhetorisch und mit ins sonor Bräsige verstellter Altherrenstimme auf WDR 5.

Davon hier und jetzt subjektiv und mit ins hell Hysterische kippender Mädchenstimme zu berichten, erscheint mir ziemlich gewagt. Ich fürchte mich vor einem ähnlichen Nichtverstandenwerden wie damals und wage es trotzdem, weil ich vermute, dass das Nichtverstandenwerden – genau wie meine Angst davor und die offenbar komplett unterschiedliche Auffassung davon, was Politik in bezug auf Literatur bedeutet – etwas mit den Klassen- und Geschlechterverhältnissen zu tun hat, zu deren Verschränkung ich hier sprechen soll.

Ich bin das andere Geschlecht.

Ich bin nicht das Maß der Dinge und nicht von vornherein deutungsbefugt, ich bin, wenn überhaupt, dann nur mitgemeint und wohl vor allem für meinesgleichen interessant.

Das ist eine andere Position als die des Journalisten. Weshalb auch meine Position in der Frage, ob es politisch sei, durch Schreiben zum Subjekt, vielleicht sogar zur Protagonistin der eigenen Geschichte aufzusteigen, eine andere ist als seine.

Wenn ich »ich« sage und anhand meines Beispiels etwas und mich selbst behaupte, dann geschieht das gegen Widerstände. Und erzählt deshalb von ihnen.

In der feministischen Theorie nennt man das Politik der ersten Person. In der Literaturkritik gibt es einige, die davon noch nichts gehört haben, aber dass es auch oder gerade solche sind, die zugleich nach einem »politischen Literaturfestival« rufen, hat mich doch einigermaßen irritiert.

Der Nabelschauvorwurf ist ein Machtinstrument, dazu da, Subjektivität zu verhindern, Stimmen zu unterdrücken und Hegemonie zu behalten. Er trifft diejenigen, deren Los es zu sein hat, zu dienen und sich selbst zurückzunehmen. Er erinnert sie daran, wer sie sind.

Was hätte beim Prosanova-Festival auf dem Programm stehen müssen, damit es sich für den Journalisten »politisch« anfühlte? Zwei Vorschläge hat er in seinem Bericht gemacht: eine Diskussion zur Migrationskrise sowie die Rolle der Literatur in Zeiten des Rechtspopulismus. Das klingt politisch. Und scheint engagiert.

Wer wessen Migration diskutiert, welche Literatur überhaupt eine Rolle und wer statt einer Rolle die Krise kriegt, ist das, was mich interessiert.

Sie glaube nicht, dass sie die Zeit noch erlebe, wenn es Frauen gestattet würde, die Welt zu erklären, hat Sibylle Berg vor ein paar Jahren in ihrem Blog geschrieben. Sich selbst vielleicht, aber nicht die Welt.

Was die Frau fühle, während sie menstruiere, sei nicht von Interesse, hat Marcel Reich-Ranicki beim ersten Bachmann-Wettbewerb postuliert, und Burkhard Spinnen hat sich ihm 37 Wettbewerbe später mit seiner Wortschöpfung »Frauenzeitschrift-Aufschrei-Befreiungsprosa« angeschlossen.

»Ach ja«, sagt mein Kollege Steffen Jacobs, »mit Kränkung und Herabsetzung haben wir doch alle zu kämpfen. Wer sich darüber beklagt, hat die Opferrolle angenommen und wirkt einfach nur unsouverän.«

»Ich klage nicht«, sage ich, »ich konstatiere.« Und benutze ganz nebenbei noch dieses schöne Fremdwort: um zu beweisen, dass ich den Gebrauch von Fremdwörtern beherrsche.

Ich bin souverän.

Ich bin die Verfasserin dieser Rede.

Ihr müsst mir alle zuhören, ich bin für die Sektion gebucht!

Wenn ich es doch nur schaffen würde, auch noch irgendwie unangreifbar zu sein, einfach recht zu haben, aus, basta, Schluss …

Die Könige der Debattenkultur behaupten, es mache Spaß, sich so richtig zu streiten. Und dass wir das verlernt hätten. Und dass man sich doch bitte nicht so anstellen soll.

Ich bezweifle zutiefst, dass es das gibt: Leute, die sich gerne streiten. Ich kenne nur Leute, die gerne recht haben – und sich deshalb notgedrungen streiten. Je sicherer und aufgehobener man sich fühlt, um so leichter. Je abhängiger, abgehängter und verunsicherter man ist, umso schwerer fällt’s.

Die Literatur und das mit ihr verbundene Weltverstehen und Welterklären sind umkämpfte, streng bewachte Sphären.

Kritiker mustern und verteilen Eintrittsbändchen und, wenn sie in Jurys sitzen, Preise sowie Preis- und Arbeitsgelder. Natürlich gibt’s auch noch andere Mächte wie die Nachfrage, echt oder gemacht. Die vielen Konsumentinnen, Käuferinnen, Liebhaberinnen. Und hinter denen her oder ihnen winkend voraus die Verleger und Vermittler, und was am Ende gilt – das prämierte oder verkaufte, gelesene oder geliebte, vielleicht sogar durchlebte Stück Literatur –, ist allen miteinander völlig schleierhaft.

Wie lässt sich Licht in dieses Dunkel und System in dieses Durcheinander bringen? Am besten durch Klassifizierung. Durch die Einführung von Genres und Unterteilung der Literatur in E und U, durch Differenzierung und gerne auch mal Diffamierung diversen Leseverhaltens.

Ich bin aufgrund der Merkmale Kind, Frau und Schreibschülerin klassifiziert und – ich konstatiere nur, ich klage nicht – herabgewürdigt worden. Durch diese Merkmale wurde ich zur Leserin und Verfasserin sogenannter Frauen- und Kinderliteratur sowie Institutsprosa. Was natürlich albern und durchschaubar ist – sobald man’s durchschauen und den Zweck dahinter erkennen kann. Vorher torpediert diese Einordnung stetig und unbemerkt sowohl Produktion als auch Rezeption.

Ich hab es ziemlich spät kapiert.

Ich habe lesen gelernt, ohne die Unterscheidung zwischen E und U zu kennen. Ich hatte Glück, weil meine Mutter Buchhändlerin war, und ich dadurch Zugang zu egal welcher Sorte Buch bekam. Ich konnte kosten, was ich mag, und dann mehr davon kriegen, ich hatte die Chance, meinen eigenen Literaturgeschmack auszubilden, was ein seltenes Privileg ist. Und zwar nicht nur für Kinder aus bildungsfernen Haushalten, sondern auch für die von Bildungsbürgern. Die einen müssen, wenn überhaupt, U lesen – weil sie E ja nicht verstehen –, die andern müssen auf jeden Fall E verstehen und kommen deshalb nicht in den Genuss von U.

Ich durfte lesen, was mich ansprach. Worin ich vorkam oder mich wiederfand, was mir mich selbst und die anderen beschrieb und dadurch begreifbar machte. Lesen wurde so für mich zu Zugriff, zu Erfahrung und Beteiligung. Klingt pathetisch. Ist politisch.

Ich wollte dann auch selbst mittun. Aber wie geht das, wie wird man Schriftstellerin?

Ich hatte schon wieder Glück, weil meine Mutter nicht nur Buchhändlerin, sondern auch Brigitte-Leserin war. Und in der stand irgendwann, dass man den Schriftstellerberuf jetzt ganz einfach erlernen könne an einem extra dafür vorgesehenen Institut in Leipzig.

Vor der Eignungsprüfung habe ich mir ein Reclamheft besorgt, in dem die Feuilletondebatten der vergangenen fünf Jahre zusammengefasst waren – weil mir schwante, dass ich mich zur Aufnahme an der Universität vielleicht ein bisschen auskennen müsse mit dem, was die Großkritik und das Bildungsbürgertum unter Literatur verstanden.

Es war 1997, und ich hatte weder Bo­tho Strauß noch Peter Handke je gelesen, kannte auch die Meister und Debattenbeherrscher der vergangenen Jahrzehnte nicht. Ich war Lorrie-Moore-Fan. Liebte Andreas Mand, Reinhold Ziegler und Christine Nöstlinger, kannte alles von Jane Smiley und Marge Piercy und Friedrich Kröhnke, aber keinen einzigen Grass oder Walser oder Brinkmann oder Lenz. Also las ich mir im Kindlers und bei den Frenzels die Zusammenfassungen durch. Was sich als überflüssig erwies. Bei der Prüfung ging’s nicht um den »Anschwellenden Bocksgesang«, sondern um den vierten Band des Sams’, den Burkhard Spinnen gerade seinen Söhnen vorlas, und mit dem Sams kannte ich mich aus. Während die unkündbaren Professoren mit Doktortiteln in Germanistik und Philosophie unserer Unterhaltung über Martin Taschenbier lauschten, erlag ich dem Trugschluss, an einem Ort angekommen zu sein, der frei von Standesdünkel und Distinktionsabsichten erst mal offenließ, was Literatur war und wer sie wie und für wen verfassen durfte.

Das war schön.

Und ich glaube, meine Lehrer glaubten damals auch daran, zumindest zwischendurch und teilweise. Wie sonst sollten sie auch die Behauptung, dass literarisches Schreiben plötzlich lehr- und erlernbar war, aufrechterhalten? Es musste probiert und diskutiert werden dürfen.

Die erste Aufgabe in meinem ersten Prosa-Seminar bei Professor Doktor Treichel lautete: »Mein Ort«. Vielleicht war es sogar so gedacht, dass wir uns erzählten, wer wir genau waren und wo genau wir herkamen, aber dann wurden doch alle unsicher und schrieben sich in ihren Beiträgen lieber da hinein, wo wir gerne hinwollten: in die Literatur.

Wo und was genau die war, wusste natürlich niemand, aber manche schienen dennoch in sie vorzudringen und andere irgendwie nicht.

Es gab ein paar vage Regeln: nicht zu viele Adjektive, »show, don’t tell«, also Szenen statt Reflexionen, Welt der Figuren statt Welt, wie ich sie sehe, einfache Anleihen aus dem Drehbuchhandwerk und ansonsten: Sprachgefühl.

Erfahrung war ebenfalls viel wert, wusste man, aber die definierte sich seltsamerweise nicht als das, was man erfahren hatte, sondern war diffus mit Lebensalter, Todesnähe, Alkoholkonsum, Fabrikarbeit, Prostitution und Ausland verknüpft und vor allem eine Art Aura. Bestätigt oder aber abgesprochen von Leuten mit Einfluss. Den Anführern. Alphatieren. Und insofern genauso sorgsam bewacht wie die Literatur.

Eine gute Schule für den darauffolgenden Literaturbetrieb.

Ich habe sehr viel gelernt und nur wenig begriffen.

Ich gehörte zu denen, deren Texte vordrangen und deren Aura ausreichte und die beim Open Mike eingeladen wurden und dann sogar bald schon ein richtiges Buch im Handel hatten.

Das Buch war der Gipfel des So-tun-als-ob gewesen, rasante Rollenprosa einer Supermarktkassiererin und eines Transferleistungsempfängers, abwechselnd mit Robby nach allen Regeln der Kunst und mehr für den Vorführeffekt verfasst – wir konnten auf Lesungen und mit der Presse dann auch nur schlecht darüber reden. Woher wir wussten, was wir da erzählten, ob das nicht diffamierend sei, also: gemein gegen das gemeine Volk. Andere wiederum meinten, es sei faszinierend, wie wir diesen einfachen Leuten unsere Stimme liehen, echt mal was anderes als die Nabelschau gepamperter Schreibschulkinder. Unser Verleger rieb sich die Hände und lud uns zum Abendessen ein. Wir wurden abgeworben vom Konzernverlag. Wir dachten, wir wären jetzt drin.

Innen und außen.

Dass sie das aufweichen, sogar völlig auflösen kann, macht Literatur politisch.

Ist es nicht erstaunlich, wie ich mir hier durch das Raunen des Imperfekts, mit Hilfe der kurzen Geschichte einer Schreibschülerin, Platz verschaffen kann? Könnt ihr’s mir nachfühlen? Seht ihr es vor euch? Genau da liegt meine Wut, und das ist meine Welt, und da brauch’ ich auch niemandes Zuwendung, nee, ich mach’s mir einfach selbst. Und ich will, dass ihr’s euch auch macht.

Dann können alle Päpste und Pädagogen und paternalistischen Vermittler sich ihre Güte und ihr punktuelles Interesse sonstwohin stecken.

Ich weiß schon, dass andere das anders sehen. Aber ich wähle hier die Perspektive.

Wir waren also drin, Robby und ich. Dachten wir. Und machten jeweils was, wofür es dann eben doch ein paar Pampers braucht: Drogen ballern und Kinder kriegen. Das kann man sich ohne Nanny nicht leisten. Da ist man dann ganz schnell wieder raus. Da wendet sich die Erfahrung, die man erwirbt, knallhart gegen einen.

Will das noch wer wissen? Lässt sich das verkaufen? Ist das nicht langsam alles ein bisschen zu echt? Wer soll da noch mitgehen?

So politisch soll’s dann lieber auch wieder nicht sein. So bitter nötig.

Es gibt aus den vergangenen hundert Jahren einige Ideen, was es braucht, damit alle beim Schreiben mitmachen und auch dabeibleiben können:

Fünfhundert im Jahr und ein eigenes Zimmer.

Den Auftrag der Partei und eine regelmäßige Vorleserunde im Kulturhaus.

Hartz IV und ein Platz mit Steckdose in der sonntags geöffneten, von freiwilligen Helfern betreuten Amerika-Gedenk-Biblio­thek.

Könnte noch ein bisschen radikaler sein, finde ich.

Entmachtung von Literaturpäpsten, Enteignung von Verlagskonzernen, Abschaffung von Genres, Kanons, Buchpreisen und dem Preis für Bücher, keine Kunst mehr als Ware, sondern ästhetische Erfahrung als Grundrecht. Kurzum: grundlegende Wandlung der Gesellschaft, Abschaffung des Kapitalismus, Geburt des neuen Menschen, und das alles braucht es ja sowieso.

Und wenn das jetzt zu verstiegen erscheint, dann kann ich’s auch ganz rasch nach innen wenden.

Wir müssen abwarten, durchhalten, immer weiter schreiben. Vielleicht passt’s ja irgendwann mal wieder rein. Wir müssen die Scham überwinden, nicht so viel Angst haben, ab und an glücklich verwechselt werden, den Irrtum bloß nicht aufklären. Immer weiter der Versuchung und der Müdigkeit widerstehen. Von der Hand in den Mund leben, uns irgendwie durchschnorren, uns behaupten und bitte nicht kirre machen lassen. Innerlich unabhängig bleiben, so gut es eben geht.

»Schreib’s einfach für mich«, sagt Nathalie, »weil: Ich will es lesen.«

Anke Stelling, geboren 1971, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Sie absolvierte ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2004 wurde ihr gemeinsam mit Robby Dannenberg verfasster Roman »Gisela« verfilmt, 2010 die Erzählung »Glückliche Fügung«. Ihr Roman »Bodentiefe Fenster« stand 2015 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Zuletzt veröffentlichte sie den sehr empfehlenswerten Roman »Fürsorge« (2017) sowie das nicht minder lesenswerte Kinderbuch »Erna und die drei Wahrheiten« (2017). Im Herbst erscheint im Verbrecher Verlag »Schäfchen im Trockenen«.

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