Aus: Ausgabe vom 15.06.2018, Seite 16 / Sport

Das muss man erst mal bringen

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»Aus dem Hintergrund müsste Böll schießen – Böll schießt – Tooooor!«

Im Journalismus gibt es diese verdammten Listen: die besten Zungenküsse, die schönsten Schnäpse, die schlimmsten Autounfälle. Und es gibt diese Wunschfußballmannschaften mit den Helden und Deppen aus der Jugend und aus der Gegenwart. Das FAZ-Feuilleton (Donnerstagausgabe) lässt zum WM-Auftakt zwei frei erfundene Mannschaften auflaufen, gebildet aus Schriftstellern: »Wenn der Kanon kicken könnte«, aufgeschrieben von dem Literaturwissenschaftler Jan-Christoph Hauschild.

Es spielt eine »Weltauswahl« gegen das »deutsche Sprachgebiet«. Es steht 2:2, wie beim »Wunder von Berlin« 1954, denn dieser Text ist der berühmten Reportage von Herbert Zimmermann nachgebildet. Ist aber trotzdem lustig: »Starke Szene jetzt von Ibsen, der mit seinem Gegenspieler Kafka kurzen Prozess macht. Abspiel auf Hemingway, Versuch einer Drehung, Hemingway schießt – aber er schießt sich selbst an und bleibt erst mal wie tot auf dem Rasen liegen.« Im Tor der Weltauswahl steht übrigens Shakespeare, beim deutschen Sprachgebiet ist es Goethe als »Rekordnationalspieler«. Den entscheidenden Treffer markiert Heinrich Böll: »Aus dem Hintergrund müsste Böll schießen – Böll schießt – Tooooor! Tooooor! Tooooor!«

Die Teamchefs dieser Mannschaften sind Jorge Luis Borges und Marcel Reich-Ranicki. Letzterer hatte vorher gesagt: »Das ist für uns das wichtigste Spiel der letzten 2000 Jahre, danach wissen wir, wo wir mit unserem Kanon stehen«.

Und zum Kanon gehört immer noch das »Fußballspiel der Philosophen« von Monty Python aus dem Jahre 1972, Deutschland gegen Griechenland. »Und hier kommt schon die deutsche Mannschaft, angeführt von ihrem Kapitän Bulle Hegel«. Im Tor steht übrigens Gottfried Wilhelm Leibniz, und im Mittelfeld spielen Karl Jaspers und Franz Beckenbauer. »Beckenbauers Aufstellung überrascht ein wenig«, sind doch alle anderen Philosophen schon gestorben, die der Griechen stammen komplett aus der Antike. Sie gewinnen »in der allerletzten Sekunde« durch ein Kopfballtor von Sokrates. Die Einwechslung von Karl Marx hat den Deutschen nichts mehr genutzt. Sie verlieren durch übertriebenes Diskutieren. Es fehlt ihnen ganz klar Heinrich Böll als Vollstrecker. (jW)

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