Aus: Ausgabe vom 15.06.2018, Seite 16 / Sport

Der letzte Punch

Und Olli weinte. In der Gruppe B macht Marokko Spaß und Spanien alles klar

Von Jens Walter
RTS9MFS.jpg
Heute wird portugiesisch abgefrühstückt. Oder spanisch?

Zum Auftakt gleich ein Leckerbissen: In der Gruppe B dürfen heute nachmittag Marokko und Iran Platz drei unter sich ausmachen. Wie in der Weltpolitik, kommen die Mannen der einst stolzen Kulturnation Persien auch im Fußball nicht recht in die Offensive. Dafür rühren sie effizient Beton an und haben damit schon halb Asien zur Verzweiflung gebracht. Wie das Beispiel Spanien beweist, sind Klerikaldikaturen nicht zwangsläufig Gift für fußballerische Kreativität, aber wenn man jeden Nationalspieler absägt, der einen Israeli auch nur anschielt, schlägt das doch irgendwann auf die Kaderqualität. Dafür geht es hochdiszipliniert zu im Team von Trainer Carlos Queiroz, der irgendwann in den 90ern Portugals »Goldene Generation« entdeckt haben soll und auch mal Real Madrid coachte. Vielleicht nimmt er deshalb auch den eigentlich dauerverletzten Kapitän, Tennis-Borussia-Spross und frischgebackenen Sushi-Shishabar-Besitzer Ashkan Dejagah mit. Der hat in Wolfsburg unter Felix Magath genügend Medizinbälle für drei WM-Titel geschleppt und mit der BRD-U-21 immerhin mal die Europameisterschaft gewonnen. Damals wurde er im Finale übrigens für Doppeltorschütze Sandro Wagner ausgewechselt, der ihm jetzt bekanntlich vor dem Fernseher die Daumen drücken darf, während Dejagah irgendwo im Mittelfeld auf Langholz lauert.

Gegen Marokko könnte er sogar einen Stich setzen. Denn das Team des »weißen Zauberers« Hervé Renard (die Hemden – und zwei Afrikameisterschaften) aus dem Land des Sonnenuntergangs hat zwar feine Fußballkunst im Angebot und sich mit 11:0 durch die Qualifikation geschossen, nervt aber auch mit Inkonsequenz. Zwischen Bolzplatz in Chaosformation und Positionsspiel mit schiefer Raute ist alles drin. Ein Vorteil könnte allerdings sein, dass sich die Iraner ihre Puschen selbst zusammenkaufen müssen, weil Nike wegen der US-Sanktionen vor drei Tagen seinen Ausrüstervertrag kündigte. Dank Ex-Bayern-Ausputzspezialist Medhi Benatia brennt zudem im marokkanischen Strafraum nichts an und Jungs wie Harit, Dirar, Ziyech und Belhanda haben genügend Ideen und Technik, um den Söhnen Alis ein paar einzuschenken. Falls der letzte Punch fehlt, sollte Farid Bang nachnominiert werden. Hässlich wird die Angelegenheit sowieso.

Am Abend gönnen sich die Gourmets dann Spanien gegen Portugal, also guten Fußball gegen Abschlussmonster Cristiano Ronaldo. Bei letzterem darf man übrigens niemals den Vornamen vergessen, sonst denkt jeder Gottesfürchtige an Ronaldo Luís Nazário de Lima, den unverdienten Glanz der dunklen Jahrhundertwende und einzigen Stürmer, der Olli Kahn je zum Weinen brachte. Er hätte Völlers Vogelscheuchen 2002 selbst dann versenkt, wenn Michi Ballack hätte spielen dürfen, das nur fürs Protokoll. Aber wo wir gerade bei Spielintelligenz sind (also nicht bei Cristiano): Natürlich muss Spanien jetzt Weltmeister werden. Einen Tag vor Turnierbeginn den hervorragenden Trainer feuern, weil der nach der WM lieber den bekannten Drecksverein mit dem weltbesten Kader und den tiefen Taschen in der weißen Weste übernimmt, hat dermaßen viel, Kahn würde sagen: Cojones – das muss einfach was werden. Außerdem sagt unser Hausheiliger Xavi Hernández, das hätte seine Richtigkeit, und wer sind wir, ihm zu widersprechen? Zur Not springt halt dessen alter Zauberfußspezi Iniesta ein, dem man zum Karriereende noch einmal den goldenen Mittelfinger an den globalen Rumpelfußball gönnt. Deshalb spielen …

Marokko gegen Iran 2:1 und Portugal gegen Spanien 1:4

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen: