Aus: Ausgabe vom 15.06.2018, Seite 7 / Ausland

Offensive gegen Hudeida

Saudi-Arabien will raschen Sieg im Jemen. Totales Versagen der UNO macht es möglich

Von Knut Mellenthin
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Artillerie der saudischen Armee beschießt Stellungen der Ansarollah an der Grenze zum Jemen (15.4.2018)

Im Jemen hat die vermutlich bisher schwerste Schlacht des Krieges begonnen. Mehr als 20.000 Soldaten der »saudisch geführten Koalition«, die dort seit März 2015 mit Unterstützung der USA, Großbritanniens und anderer westlichen Staaten Krieg führt, haben am Mittwoch nach einem dreitägigen Ultimatum eine Offensive zur Eroberung der Hafenstadt Hudeida begonnen. Am Donnerstag hatten sie angeblich die Gegend um den Flughafen und andere Teile der schwer befestigten Stadt unter Kontrolle gebracht.

Hudeida ist die einzige bedeutende Hafenstadt des Jemen, die noch von der bewaffneten schiitischen Organisation Ansarollah und ihren Verbündeten kontrolliert wird, die angeblich Unterstützung aus dem Iran erhalten. Mindestens 70 Prozent aller Lebensmittel- und sonstigen Hilfslieferungen, vielleicht sogar bis zu 90 Prozent, erreichen das gegenwärtig noch von Ansarollah verteidigte Gebiet über Hudeida. Wenn es der »saudisch geführten Koalition« gelänge, die Hafenstadt zu erobern, wäre auch die rund 150 Kilometer weiter nordöstlich gelegene Hauptstadt des Jemen, Sanaa, abgeschnitten. Sie wird seit vier Jahren ebenfalls von Ansarollah und ihren Verbündeten beherrscht. Häufige Großkundgebungen mit mehreren hunderttausend Teilnehmern lassen darauf schließen, dass die Bevölkerung der Hauptstadt mehrheitlich hinter Ansarollah steht.

Es ist eine bunt gemischte, alles andere als homogene Truppe, die jetzt zum Sturm auf die Hafenstadt Hudeida angetreten ist. Die zwar »international anerkannte«, aber im Lande fast bedeutungslose, im saudi-arabischen Exil residierende Regierung von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi verfügt nur über wenige Soldaten. An der Offensive gegen Hudeida sind beteiligt 2.000 Soldaten der Vereinigten Arabischen Emirate, Hunderte Söldner aus dem Sudan, die von den Emiraten bezahlt werden, Angehörige separatistischer Milizen aus dem Südjemen, die ebenfalls auf der Lohnliste der Emirate stehen, und Milizionäre aus der Gegend von Hudeida, für die vermutlich das Gleiche gilt.

Einen zentralen Teil der »saudisch geführten« Offensive gegen die Hafenstadt bilden, den Berichten zufolge, rund 2.000 Soldaten der Emirate, die bisher in einem eritreischen Stützpunkt, Assab, stationiert waren und jetzt in einem Landungsunternehmen über das Rote Meer transportiert wurden. Die Emirate haben in den letzten drei bis vier Jahren, ohne große Aufmerksamkeit der internationalen Medien, mehrere Militärbasen in der strategisch wichtigen Region zwischen dem Roten Meer und seinem Ausgang in den Golf von Aden – und damit auch in den Indischen Ozean – erworben. Neben Assab gehört dazu auch ein Stützpunkt in Berbera (Somaliland). Um die strategisch hervorragend gelegene jemenitische Insel Sokotra mitten im Golf von Aden konkurrieren die Emirate noch mit Saudi-Arabien.

Saudi-Arabien und die Emirate teilen sich gegenwärtig ihre Einflussgebiete im Jemen auf. Die Ereignisse sind Folge des völligen Versagens der Vereinten Nationen und insbesondere des UN-Sicherheitsrats (UNSC), einschließlich Russlands und Chinas. Dass Saudi-Arabien und die Emirate dort seit März 2015 jenseits internationalen Rechts einen Aggressionskrieg führen, hauptsächlich durch Luftangriffe gegen die Zivilbevölkerung, war für den UNSC bislang kein Thema. Offiziell wird dies damit begründet, dass Hadis Exilregierung, die in der saudischen Hauptstadt Riad residiert, zur Intervention aufgefordert hat. Gemeinsam ignoriert die »internationale Gemeinschaft«, dass Hadi im Februar 2012 nur für eine Amtszeit von zwei Jahren als Präsident gewählt wurde. Mit 99,9 Prozent der Stimmen ohne Gegenkandidaten, weil sich die politischen Parteien und Kräfte, einschließlich Ansarollah, vorher auf die Bildung einer gemeinsamen Regierung geeinigt hatten. Dass Hadi diese Vereinbarung brach, löste den Bürgerkrieg aus.

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Debatte

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  • Beitrag von Fabian P. aus S. (15. Juni 2018 um 14:22 Uhr)

    !Solidarität mit Ansarollah! ! التضامن مع أنصار الله!

    Es ist besonders tragisch, dass selbst fortschrittliche Mächte wie die Volksrepublik China nichts gegen diesen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg von der Koalition der Golfdiktaturen und NATO unternehmen, auch wenn durch die Offensive auf Hudeida eine unvorstellbare humanitäre Krise in ganz Jemen ausgelöst werden könnte. Vielleicht sollte man China an die Worte des von der Chinesischen Revolution faszinierten Che Guevara erinnern: (vgl. Ausgabe jW vom 14.06. : 'Probleme des Sozialismus')

    "Es gibt keine Grenzen in diesem Kampf auf Leben und Tod. Wir können nicht desinteressiert bleiben gegenüber dem, was in irgendeinem Teil der Welt passiert. Ein Sieg irgendeines Landes über den Imperialismus ist unser Sieg, ebenso wie die Niederlage einer beliebigen Nation eine Niederlage aller ist. Die Ausübung des proletarischen Internationalismus ist nicht nur eine Pflicht der Völker, die für eine bessere Zukunft kämpfen, er ist eine objektive Verpflichtung. Wenn der imperialistische Feind, der nordamerikanische oder irgendein anderer, seine Aktionen gegen die unterentwickelten Völker und die sozialistischen Länder plant, bestimmt eine grundlegende Logik die Notwendigkeit einer Allianz zwischen den unterentwickelten Völkern und den sozialistischen Ländern."

    Das trifft natürlich ebenso auf den Kampf der Ansarollah zu. Doch sollte die saudisch geführte Koalition erst einmal Hudeida eingenommen haben - Und wenn Hudeida fällt, so fällt ganz Jemen - gibt es kein zurück mehr!

    Deswegen ist es von größter Wichtigkeit, dass Ansarollah auf keinen Fall die Kontrolle über die Hafenstadt verliert. Und sie haben die Solidarität der internationalen sozialistischen Gemeinschaft auf jeden Fall nötig. Deswegen sehe ich sowohl China als auch Russland in ihrer Funktion als UN-Sicherheitsrat-Mitglieder in der Verantwortung, die Rebellen gegen die imperialistische Invasion zu verteidigen.

    Die Jemeniten haben nichts zu verlieren als ihre (saudischen) Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen!

    Fabian P., Sinsheim (BaWü)

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