Aus: Ausgabe vom 14.06.2018, Seite 16 / Sport

Aschenbecher im Strafraum

Oder lasst Neustädter zur WM! Heute gewinnt in der Gruppe A die Sbornaja gegen die Saudis

Von Pierre Deason-Tomory
WM_2018_Ball_aus_dem_57645063.jpg
Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen. Kosmonaut Anton Schkaplerow macht’s vor (mit WM-Ball)

Weltmeisterschafts-Eröffnungsspiele sind immer fad. Um das zu ändern, hat die FIFA für heute Abend ein geopolitisches Schmankerl arrangiert: Schiiten-Alliierter Russland spielt im atemberaubend schönen, verunnamten Lenin-Stadion in Moskau gegen den wahhabitischen US-Verbündeten Saudi-Arabien. Eine klare Sache? Obwohl die Gastgeber ihre letzten fünf Spiele nicht gewonnen und ihr bisher einziges gegen Saudi-Arabien verloren haben? Und obwohl Russland, seitdem es nicht mehr Sowjetunion heißt, bei keiner WM auch nur die Vorrunde überstanden hat? Alles egal, sagt Ronald, der seit über 30 Jahren in der Partei ist, die Sbornaja gewinnt.

Dieser famose Viel- und Lautsprecher gehört zu den 20 WM-Tippern der kleinen Bar in der Weimarer Innenstadt, die als Fußball-Sachverständige zertifiziert worden sind vom Gastwirt, dem exhibitionistischen und maulfaulen Sänger der »Madmans«, der ältesten noch amtierenden Punk-Band der DDR. Na ja, Exhibitionist. Er hat sich schon seit Erlass der Rauchverbotsgesetze nicht mehr auf der Bühne ausgezogen.

In der Nordvorstadt am Zeppelinplatz gibt es keine Sportsbar, sondern nur einen Rewe, einen Späti, einen Bäcker, einen Glasermeister mit Pilzberaterin, einen anarchistischen Messerschleifer und eine Schwulenbar, das ehemalige »Turnvater Jahn«. Deshalb muss ein Nordvorstadtbewohner zum WM-Schauen also in die Stadt gehen. In die kleine Bar mit Aschenbechern zieht es unsere ergrauten Tresenhelden zum Beispiel deshalb, weil man in den richtigen Fußballkneipen Hausverbot hat. So wie RWE-Anhänger Mirko, der sich in der »XYZ« vorsätzlich von Jena-Fans hat verhauen lassen. Oder weil es in den anderen Läden nie Aschenbecher gibt und der Wirt motzt, wenn man auf die Erde ascht. Außerdem ist es in dieser Bar schön und das Bier billig. Es wird gefiebert und gewettet. Und krakeelt, wenn Ronald dabei ist.

Das Interessante am Auftaktspieltag der Gruppe A ist die Eröffnungsfeier, denn die Siege Russlands über Saudi-Arabien und Uruguays über Ägypten stehen außer Zweifel. Offen ist dagegen, wer beim Eröffnungsfest neben Putin sitzen wird, Gérard Depardieu oder Gerhard Schröder? Wiederum längst beantwortet die Frage, ob die beiden Deutschen für die Russen spielen werden: nö. Die reversierten Russlanddeutschen Roman Neustädter und Konstantin Rausch wurden vor Turnierbeginn ausgemustert.

Der Trick mit dem Pässetausch, um bei einer WM dabeizusein, hat nicht funktioniert. Neustädter kann das aber noch öfter versuchen, weil er in der Ukraine geboren wurde und sein Vater in Kirgistan, weshalb dieser folgerichtig die kasachische Staatsangehörigkeit hat(te). Wenn er all diese Nationalitäten nacheinander, einmal pro WM, ausprobiert und sich am Ende wieder rückverdeutschen lässt, könnte er es noch zur WM 2034 in Monte-Carlo und Liechtenstein schaffen.

Zukunftsmusik. Heute und morgen passiert folgendes: Irgend jemand hängt Ronald gefesselt und geknebelt in den Baum vor der Bar, und es spielt …

Russland gegen Saudi-Arabien 3:1 und Ägypten gegen Uruguay 0:3

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Sport