Aus: Ausgabe vom 14.06.2018, Seite 11 / Feuilleton

Unglaublicher Kappes

35 Elefanten – wo sind sie geblieben? Wie in Hamburg die »7. Triennale der Photographie« mit Zensur umgeht

Von Otto Köhler
Hanns-Jörn Anders_Unruhen In Nordirland_1969.jpg
We want peace – Bild aus Nordirland 1969 von Hanns-Jörg Anders, das in Hamburg gezeigt wird. Der Spruch gilt auch für die Zensurfälle des Stern, an die man sich nicht erinnern will

»Delete«. Nach dem Computerbefehl für »Löschen« ist eine Ausstellung benannt, mit der sich das Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) an der Hamburger »Triennale der Photographie« beteiligt. Sie wurde am vergangenen Donnerstag eröffnet. Mit der Ausstellung »Raubkunst? Die Bronzen von Benin« (seit Februar bis »auf weiteres«) hat das Haus eine wichtige Diskussion angestoßen: Darf in Berlin das, als »Humboldt Forum« getarnte, restaurierte Hohenzollernschloss Ende nächsten Jahres eröffnet werden, auch wenn es dann Werke ungeklärter Provenienz enthält: Beutestücke aus Deutschlands und Europas Kolonialkriegen?

Doch mit »Delete« hat das unter neuer Leitung stehende MKG in einer für das deutsche Selbstverständnis entscheidenden Frage jeder Mut verlassen. »Delete« will »Auswahl und Zensur im Bildjournalismus« untersuchen und »die Produktionsbedingungen und Auswahlprozesse, die ein Bild durchläuft, bevor Zeitschriften und Magazine es drucken«.

Zu diesem Zweck zeigt das MKG wenig aussagekräftige Filmstreifen der Stern-Reporter Thomas Höpker und Hanns-Jörg Anders, auf denen gekennzeichnet ist, welche der vielen Aufnahmen im Stern erschienen und welche nicht. Mit Zensur hat das in der Regel nichts zu tun. »Durch die Gegenüberstellung der gedruckten Bildstrecken, der Kontaktbögen, der von den Fotografen für die Museumssammlung ausgewählten Bilder und ihrer erzählten Erinnerung erfahren die Betrachter Hintergründe über die Auswahlprozesse, die Arbeitsbedingungen der Journalisten, über das Anliegen der Fotografen und ihren gestalterischen Freiraum.«

Da hätten die Stern-Reporter Ulrich Völklein und Wolfgang Bauer weit mehr zu berichten gehabt. Im Sommer 1991, zum 50. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, wollten sie im Stern eine Reportage über die Wehrmachtsvergangenheit des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker veröffentlichen. Der hatte sechs Jahre zuvor weltweit Aufsehen erregt, als er in einer Rede am 8. Mai 1985, dem vierzigsten Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkriegs sagte, es sei dies der »Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft« gewesen. Das hatte vorher noch kein Bundespräsident so formuliert. Weizsäcker wusste, wovon er sprach, denn er hatte im Zweiten Weltkrieg gekämpft: Er hatte mit der Infanteriedivision 23 am Überfall auf die Sowjetunion teilgenommen und war dabei zum Regimentsadjutanten aufgestiegen.

Ein halbes Jahrhundert später waren Ulrich Völklein und Wolfgang Bauer auf den Spuren dieser Division nach Russland gereist. Als sie zurück waren, legten sie der Chefredaktion des Stern ein Manuskript auf den Tisch, das die mit Interesse gelesen haben muss. Darauf gab es, wie mir damals der stellvertretende Stern-Chefredakteur Michael Seufert erläuterte, eine »interne Entscheidung«. Er bat mich um Verständnis, dass er darüber keine öffentliche Erklärung abgeben könne. Ich versicherte ihm, dass ich kein Verständnis habe, und er präzisierte, es sei »ein unglaublicher Kappes«, dass es bei dieser Entscheidung um den Bundespräsidenten gehe.

Tatsache war: Auf der Farbstrecke von acht Doppel- und drei Einzelseiten, die schon für die umfangreiche Reportage über Weizsäckers Kampf in der Sowjetunion vorgesehen waren, machten sich 35 freundliche Elefanten breit. Wie die Stern-Chefredaktion versicherte, war es »keine politische Entscheidung«, dass die Reportage über Weizsäckers Marsch bis vor Moskau gekippt wurde.

Darauf schrieb ich Richard von Weizsäcker einen in Konkret gedruckten offenen Brief: »Gewiss, Herr Bundespräsident, Sie sind kein Hitler-Tagebuch, nicht einmal ein gefälschtes, aber auch eine Stern-Chefredaktion müsste begreifen, dass es nicht nur eine legitime journalistische Recherche ist, die Spuren des Präsidenten der Bundesrepublik, des Mannes, der die Rede zum 8. Mai gehalten hat, auf dem Vormarsch in der Sowjetunion zu verfolgen. Es ist auch – ich liebe das Wort nicht – ein journalistischer Knüller, für den man Seiten freischaufelt und nicht mit Dickhäutern dichtmacht.«

Rechtzeitig vor dem Überfall auf die Sowjetunion war Weizsäcker mit seiner Infanteriedivision 23 an die Grenze nach Ostrow Mazowiecka verlegt worden. Ursprünglich eine gefährliche Gegend: Ein halbes Jahr zuvor mussten dort zur Vermeidung von Anschlägen 159 jüdische Männer vor die Stadt geführt und erschossen werden, und danach auch noch 196 jüdische Frauen und Kinder. Doch jetzt konnte sich die 23. Infanteriedivision in Ruhe und Sicherheit auf kommende Aufgaben vorbereiten.

Schon am 20. Juli, gleich zu Beginn des Überfalls, bekam Weizsäcker wegen Tapferkeit bei der Überquerung des Flusses Narew das Eiserne Kreuz. Er hat mitgeholfen, Bialystok zu erobern, in das gleich darauf das Einsatzkommando 8 einzog und zu wirken begann. Bei dessen erster Aktion Anfang Juli wurden 800 Juden erschossen, aber das war nur der Anfang. Und so verfolgte die ungedruckte Stern-Reportage Ort für Ort den Vormarsch Weizsäckers und seiner Kameraden bis kurz vor Moskau und schilderte die Verbrechen, die dort vor seinen Augen geschehen sein mussten. Doch er wusste davon nichts, wie mir sein Sprecher Horst-Henning Horstmann erklärte. Weder der Präsident noch seine Umgebung hätten irgendeinen Einfluss ausgeübt, um die Reportage über diesen Terror im Stern zu verhindern.

Andere hoben sich ihre Andenken besser auf. In der Hinterlassenschaft eines deutschen Soldaten, der wie Weizsäcker mit der 23. Infanteriedivision gekämpft hatte, fanden die Stern-Reporter Fotos einer Hinrichtung: Vier Zivilisten, zwei Männer und zwei Frauen, werden auf einem Stadtplatz gehenkt – Soldaten schauen zu.

Die durch 35 Elefanten wegzensierte Stern-Reportage über Richard von Weizsäckers Vormarsch und Rückzug in der Sowjetunion wäre das zentrale Stück der MKG-Ausstellung über »Auswahl und Zensur im Bildjournalismus« gewesen.

»Delete«, bis 25.11., MKG Hamburg


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